Können Sie den Anstieg des Euro zum Dollar erklären? Oder wie ein Bonuszertifikat funktioniert? Wenn Ihre Antwort "Ja" lautet, ist das für den Leser einer Wirtschaftszeitung nicht überraschend. Wenn Ihre Antwort dagegen "Nein" lautet: auch kein Problem - Sie sind in Deutschland in guter Gesellschaft.
Wer nicht eine einschlägige Berufsausbildung besitzt oder Wirtschaftswissenschaften studiert oder sich sonst wie privat fortgebildet hat, ist in Wirtschafts- und Finanzfragen in der Regel wenig bewandert. Denn in der Schule lernen die Deutschen nicht, wie Marktwirtschaft funktioniert.
Eine neue Studie über die unterschiedliche Darstellung des Unternehmertums in deutschen, französischen und US-amerikanischen Schulbüchern zeigt auf, wie wenig und wie wenig Wahres deutsche Schüler in diesem Feld mit auf den Weg bekommen.* Wenn im Rahmen von Sozialkunde oder Politik überhaupt das Wirtschaftsleben thematisiert wird, dann meistens unter dem Verteilungsgesichtspunkt oder durch das skeptische Hinterfragen von Fortschritt, Innovation und Wachstum.
So kennt ein Schüler dann zwar die Lebenssituation lateinamerikanischer Kaffeebauern, ohne jedoch um die Zusammenhänge von Wirtschaftsordnung, Wachstum und Verteilung zu wissen. Er weiß, wie viele Arbeitsplätze durch die Einführung von Computern wegrationalisiert wurden, aber nicht, wie viele direkt in der IT-Industrie und indirekt durch die eingesparten Ressourcen geschaffen wurden. Am Ende glauben viele, es sei gesellschaftlich besser, die gleiche Leistung mit mehr als mit weniger Arbeitskräften zu erstellen.
In der Konsequenz kann es kaum verwundern, wenn sich einer Allensbach-Umfrage zufolge die Hälfte der Deutschen zumindest in Teilen zu sozialistischen Idealen bekennen und gemäß Emnid-Institut gegenwärtig 14 Prozent den Heilslehren der Linkspartei glauben. Wer nicht versteht, wie Marktwirtschaft funktioniert, ist schwer von notwendigen Reformen der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu überzeugen.
Suboptimale Vermögensbildung
Ebenso wenig wie über die Funktionsweise von Gütermärkten wissen die Deutschen über Zusammenhänge auf den Finanzmärkten Bescheid. Dies spiegelt sich in einer vergleichsweise niedrigen Zahl von Aktienbesitzern wider: So profitieren in Deutschland gerade einmal 4,1 Millionen Anleger - das sind rund fünf Prozent der Bevölkerung - von den langfristig höheren Renditen von Aktien im Vergleich zu Staatsanleihen oder Sparbüchern. In den USA liegt die Quote bei 25,5 Prozent und selbst im kapitalismuskritischen Frankreich bei 14,5 Prozent.
Ähnliches lässt sich über den Anteil der Deutschen sagen, die in ihren eigenen vier Wänden leben. Auch hier ist die Quote mit 42 Prozent im Verhältnis zu anderen Industrieländern äußerst gering. Die mangelnde Sachkapitalbildung geht zwar einher mit einer hohen Sparquote, doch das fehlende Wirtschaftswissen führt letztlich zu einer suboptimalen Vermögensbildung: Der geringe Anteil derer, die in Sachkapital investieren, begünstigt über längere Zeiträume eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. Dies wiederum fördert das Klassendenken mit Kapitalbesitzer- und Arbeitnehmerkategorien.
Das weitverbreitete Analphabetentum im Bezug auf ökonomische Angelegenheiten steht im direkten Widerspruch zur staatlich angemahnten Notwendigkeit, für das Alter finanziell vorzusorgen. Die Auswahl der richtigen Anlage im Rahmen eines Riester-Sparplans ist unmöglich, wenn zum Beispiel die unterschiedlichen Risiken von Renten und Aktien unbekannt sind. In Deutschland ist ein hochrangiges Gremium wie das amerikanische President's Advisory Council on Financial Literacy nicht ansatzweise angedacht. Aufgabe des Council ist es, Empfehlungen zu erarbeiten, wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen besser mit der eigenen finanziellen Situation umgehen.