Die Managergehälter sind zu hoch. Oder etwa nicht? Die Aufregung in der Republik ist groß. Doch nüchtern betrachtet fällt zuerst ins Auge, dass auch Fußballstars oder Operndiven Gehälter beziehen, von denen der gemeine Sterbliche nicht einmal träumt. Von diesen wird selten, und wenn, ohne große Entrüstung gesprochen. Haben die astronomisch hohen Gehälter von manchen Fußballspielern, von diesem oder jenem Opernsänger und von Managern etwas gemeinsam?
Sie haben. Doch ist dies nicht notwendig auf astronomisch hohe Leistungen zurückzuführen.
Gewiss, Cecilia Bartoli singt herrlich, und Michael Ballack kickt göttlich; gewiss, der eine oder andere Manager schafft es, Shareholder- und Stakeholder-Value auf magistrale Weise zu maximieren. Nur: Die Leistung der Zweitbesten im Singen, im Kicken, im Managen ist nicht notwendigerweise so viel kleiner, als dass dadurch der Abstand der entschieden niedrigeren Gehälter zu jenen der Topverdiener gerechtfertigt werden könnte. Die beiden Ökonomen Robert H. Frank und Philip J. Cook haben das auf den Punkt gebracht, indem sie unsere Gesellschaft als - so der Titel ihres Buchs - "The Winner-Take-All Society (Why the Few at the Top Get So Much More Than the Rest of Us)" bezeichnet haben.
Man sollte sich ob dieses Sachverhalts nicht zu sehr entrüsten. Es könnte ja sein, dass es im Einzelfall zwar befremdlich sein mag, aber aufs Ganze gesehen höchst sinnvoll ist, dass einige, die nicht so viel mehr leisten als andere, trotzdem so viel mehr verdienen als diese anderen.
Warum? Die Antwort ist einfach: Wem es gelingt, das Siegerpodest, die Titelrolle in der Scala, den CEO-Sessel zu erreichen, der hat ungemein viel erreicht. Doch sind die Chancen, dorthin zu gelangen, zu Beginn einer Karriere sehr gering: Viele sind berufen, wenige aber auserwählt. Damit nun jene, die nach oben wollen, trotz geringer Erfolgschancen im Zweifel bis an die Grenzen ihrer Kräfte Leistungen erbringen, muss der Kranz des Siegers besonders glänzend, der Applaus besonders donnernd, das Gehalt besonders hoch sein. So gesehen, sind extrem hohe Managergehälter nicht - wie eine fadenscheinige Ideologie behauptet - durch die extrem hohen Leistungen der jetzigen Topleute zu rechtfertigen, sondern dadurch, dass sie jene vielen, die morgen "on top" sein wollen, zu maximalem Leistungseinsatz anstacheln. Schon Napoleon gaukelte den einfachen Soldaten vor, ein jeder von ihnen hätte den Marschallstab im Tornister.
So weit, so gut; aber eben nur so weit. Es drängt sich nämlich die Frage auf, warum die hohen Gehälter der Manager Anlass zu entrüsteter Kritik geben, die hohen Gehälter von Opernstars oder Spitzensportlern aber nicht. Hier stößt man auf einen bedenklichen Sachverhalt: Bei Managern kann man nämlich schon mal Filz vermuteten - bei Sportlern oder Sängern nicht. Man geht nicht davon aus, dass die einzelnen Sportler oder Sänger, mit anderen Sportlern oder Sängern in einem Beziehungsnetz so verbunden sind, dass sie sich wechselseitig zulasten anderer, etwa der Zuschauer, hohe Gehälter zuschanzen können.
Ganz anders im Falle der Manager. Hier besteht der Verdacht, dass sich Manager gegenseitig Gehälter bewilligen, die jenseits ihrer realen Leistung liegen, und dass dies auf Kosten von Aktionären, Arbeitnehmern und Kunden geschieht. Auch wenn dies im Einzelfall legal sein mag oder gegen Zahlung einmal ein Strafverfahren eingestellt wird, hält sich hartnäckig der Verdacht, hier werde gegen Mindeststandards der Moral oder schlicht gegen einfachste Gesetze menschlichen Anstands verstoßen.
Ist also der Verdacht begründet, wie ihn schon Adam Smith hatte, nämlich dass sich Kaufleute kaum treffen, ohne sich gegen das gemeine Wohl zu verschwören? Wohl schon. Doch warum sollte dies der Fall sein? Sind etwa Manager moralisch verkommenere Subjekte als andere Menschen? In der Regel wohl eher nicht; jedenfalls spricht a priori nichts dafür. Dann fragt sich aber, wieso sie sich trotzdem so verhalten, wie sie es tun.
Die Antwort: In der Welt flüchtiger und oberflächlicher Beziehungen, in der wir heute leben, ist es schwierig, Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Wenn Vertrauen fehlt, ist es schwierig, Geschäfte zu machen; die Kontroll-, gar Gerichtskosten sind zu hoch. In dieser Lage liegt es für die Einzelnen nahe, gezielt wenigstens eine gewisse Anzahl von stabileren Beziehungen zu knüpfen und sich so Partner zu sichern, denen man einigermaßen vertrauen kann, mit denen man also relativ problemlos Geschäfte machen kann: In einem Meer der Vertrauenslosigkeit werden Inseln des Vertrauens geschaffen.
Networking heißt das, Beziehungen pflegen. Daran ist nichts auszusetzen, im Gegenteil: Man muss es im Prinzip begrüßen. Man kann das aber im konkreten Fall nur dann, wenn es sich bei den so ermöglichten Geschäften um solche handelt, die nicht zulasten von Dritten abgeschlossen werden. Genau dies aber scheint, nicht nur, aber auch, in Managerkreisen vorzukommen: Aus Network wird Filz. Wo Geschäfte möglich werden können, wird auch ein Verhalten möglich, das man - ohne alle Manager unter Generalverdacht zu stellen - versucht sein mag, als mafios zu bezeichnen.
Es leuchtet ein, dass es für die Gesellschaftsordnung eine tödliche Gefahr sein kann, wenn ein wichtiger Teil ihrer Elite auch nur in den Verdacht des Mafiosen gerät. Man kann und muss sich fragen, wie groß diese Gefahr schon heute ist. Ein Ehrenwort kann nicht gegen Recht und Gesetz angeführt werden, und gegen die Regeln von Moral und Anstand darf es um der Ordnung willen nicht ankommen.
Guy Kirsch ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Université de Fribourg