Fast täglich bekomme ich eine E-Mail, dass irgendwer irgendwo ab jetzt meine Einträge bei Twitter mitverfolgt. Das wundert mich, weil ich nämlich höchst selten twittere - also mit höchstens 140 Zeichen der Welt all mein Denken und Tun mitteile. In der Nacht der US-Präsidentschaftswahl habe ich Twitter ausprobiert und keinen Gefallen daran gefunden. Einer meiner letzten Beiträge, oder Tweets, war: "Dies ist wohl die schwachsinnigste Form von Journalismus, der ich mich je bedient habe." Seitdem bin ich weitgehend verstummt.
Nun muss ich meine Geringschätzung überdenken. Twitter ist zum angesagten politischen Medium avanciert: Weithin wird das Mikroblog gepriesen, weil es iranischen Demonstranten ermöglichte, Kontakt zur Außenwelt herzustellen und die Zensur zu umgehen. Das US-Außenministerium war so beeindruckt von Twitters Rolle, dass es das Unternehmen bat, eine Aktualisierung zu verschieben, die die Seite abgeschaltet hätte. Die "Los Angeles Times" nannte Twitter gar den "neuen Albtraum der Tyrannei".
Der kategorische Imperativ getwittert
Schon vor den Geschehnissen im Iran war Twitter zum Trend geworden. Alle Welt twitterte - vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain bis zum britischen Außenministerium. Verspätet muss ich hinnehmen, dass die wichtigsten und tiefgründigsten politischen Botschaften im Allgemeinen tatsächlich in 140 Zeichen zusammengefasst werden können.
Nahegebracht wurde mir die Kraft der Kürze in einem anderen Kontext: Ich erzählte einem Freund von meiner Idee, ein Buch zu schreiben. Er sagte: "Es kommt nur dann an, wenn du deine These in einem Satz zusammenfassen kannst, der auf Twitter passt." Wie dumm, dachte ich anfangs. Man nenne mir ein großartiges Buch, das in 140 Zeichen zusammengefasst werden kann. Dann stellte ich fest, dass man die meisten großen Werke der politischen Philosophie mit Twitter erzählen könnte. Tatsächlich macht gerade die Tatsache, dass sie auf einen Satz eingedampft werden können, ihre wahre Bedeutung aus.
"Das Kommunistische Manifest" wird oft ganz Twitter-freundlich zusammengefasst mit: "Arbeiter aller Länder, vereinigt euch - ihr habt nichts zu verlieren außer euren Ketten." (Marx' Originalversion war nicht ganz so prägnant.) Auch Jeremy Bentham, der Begründer des Utilitarismus, wäre ein Twitter-Naturtalent gewesen. "Das größte Glück der größten Zahl" ist weniger als 40 Zeichen lang. Immanuel Kant ist langatmiger, doch selbst der kategorische Imperativ ist weniger als 140 Zeichen lang: "Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann."
In einigen großen Werken fehlt dieser eine Satz, der alles sagt. Und doch könnten auch sie oft in einem Tweet zusammengefasst werden. Niccolò Machiavellis "Der Fürst" liefe hinaus auf "Wer nett ist, bringt's zu nichts" und die Bibel auf "Gott schuf die Welt in sieben Tagen. Respekt".
Twitter, so scheint es, ist für Politik und Philosophie das ideale Medium. In der Praxis ist das Gezwitscher westlicher Politiker und Beamter dagegen oft enttäuschend, ja bedenklich. Besorgt war ich, als das britische Außenministerium am Morgen des Atombombentests Nordkoreas twitterte: "Nordkorea - Ihre Meinung interessiert uns". Das klang ein wenig hilflos. McCain, begeisterter Twitterer, schreibt mehrmals täglich authentische und persönliche Beiträge. Dennoch lösen sie bei mir nicht gerade Bedauern darüber aus, dass er nicht ins Weiße Haus eingezogen ist. Vor Kurzem prahlte er über die Anzahl seiner Leser: "800 000!!! Schaffen wir die Million?" Und einige seiner Tweets lassen ihn wie ein Bauerntrampel aussehen. Am 19. Mai schrieb er: "Treffen mit Henry Kissinger - dem intelligentesten Mann der Welt."
Wertvolle Momentaufnahmen
Twitter ermutigt sowohl zur Kürze als auch zur Endloskommunikation. Jeder Eintrag ist kurz, aber wer will, kann den ganzen Tag vor sich hintwittern - und viele scheinen genau das zu tun. Hätte Marx im Twitter-Zeitalter gelebt, hätte er wohl keine donnernden politischen Botschaften von sich gegeben. Vielmehr hätte man bei ihm wohl so etwas lesen können wie: "Bin gerade im British Museum angekommen. Trinke jetzt eine Tasse Tee."
Was die Bedeutung Twitters für den Erfolg einer Revolution betrifft, habe ich das Gefühl, dass es eher ein Hype ist. Irgendwie schafften es Frankreichs Revolutionäre 1789, auch ohne sich zuzutwittern: "Große Demo vor der Bastille geplant." 220 Jahre später werden die Iraner wohl scheitern - trotz Twitter.
Selbst wenn Twitter nicht zu einer iranischen Revolution führt, liefert es doch hervorragende Momentaufnahmen der Ereignisse. Unter normalen Umständen ist Twitter ein Kompendium der Banalitäten. Doch im Iran sind die Knappheit und Unmittelbarkeit des Mediums voll zur Geltung gekommen.
Eines schönen Tages werden große Denker die Zeit und die Distanz haben, die nötig sind, um zu verstehen, welche Rolle die Kommunikationsrevolution dabei gespielt hat, die iranischen Mullahs herauszufordern. Egal zu welchem Schluss sie kommen sollten - er sollte sich in maximal 140 Zeichen zusammenfassen lassen.