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Merken   Drucken   07.04.2008, 10:27 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Zeitenwende südlich der Sahara  

Der Machtkampf in Simbabwe verstellt den Blick darauf, dass in vielen afrikanischen Staaten ein wirtschaftlicher und politischer Aufschwung begonnen hat. von Ellen Johnson Sirleaf und Steven Radelet
Für die meisten Menschen in Afrika waren die vergangenen 30 Jahre katastrophal. Während die asiatischen Tigerstaaten historisch einmalige Wachstumsraten und Erfolge in der Armutsbekämpfung verzeichneten, versank der größte Teil Afrikas im Elend. Das durchschnittliche jährliche Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in Subsahara-Afrika lag zwischen 1970 und 2000 bei fast genau null.
Manche erlebten einen regelrechten Absturz. So sank das BIP von Liberia zwischen dem Militärputsch im Jahr 1980 und dem Waffenstillstand von 2003 um mehr als 85 Prozent, mit deutlichen Verschlechterungen in der Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Lebensmittelversorgung.
Glücklicherweise ändern sich die allgemein schlechten Nachrichten aus Afrika allmählich. Immer mehr afrikanische Länder beenden Konflikte, setzen funktionierende Regierungen ein und richten ihre Wirtschaftspolitik neu aus. Entscheidend ist, dass die Veränderungen struktureller Natur sind. An ihrer Wurzel liegen drei wichtige Trends von enormer historischer Bedeutung - weitgehend unbemerkt von der Außenwelt.
Drei wichtige Trends
Der erste Trend ist politischer Art: Immer mehr Länder in Afrika führen demokratische Prozesse ein und geben sich Führungssysteme, die sich an den Kriterien der Rechenschaftspflicht und Transparenz orientieren. Liberia ist das jüngste Land, das nach der Beendigung des Bürgerkriegs Ende 2005 mit der erfolgreichen Durchführung freier Wahlen ein demokratisches Mehrparteiensystem einführte. Der zweite wichtige Trend ist das wesentlich verbesserte makroökonomische Management. Mit wenigen unglücklichen Ausnahmen - an erster Stelle ist hier Simbabwe zu nennen - betreiben die Länder mittlerweile eine sehr viel stabilere makroökonomische Politik. Der dritte wichtige Trend ist der Abbau der immensen Schuldenberge in Afrika. Die Schuldenkrise der 80er-Jahre wurde in den vergangenen 20 Jahren in mehreren Phasen beigelegt: Die Staaten können ihre Wirtschaftspolitik nun selbst bestimmen und müssen nicht mehr so viel Zeit für Schuldenverhandlungen mit Gläubigern wie dem IWF und der Weltbank aufwenden.
Zu diesen drei historischen Veränderungen ist es in einer Gruppe von etwa 15 afrikanischen Ländern gekommen. Dazu gehören etwa Benin, Ghana, Mosambik, Namibia, Nigeria, Senegal, Südafrika und Tansania. Ihre jährlichen Wachstumsraten lagen über ein ganzes Jahrzehnt bei durchschnittlich fast fünf Prozent, bei einem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens von annähernd drei Prozent. In den vergangenen Jahren zog das Wachstum sogar noch an: Diese Länder schicken mehr Kinder in die Schule, bekämpfen Krankheiten nachdrücklicher und schaffen neue wirtschaftliche Chancen, um die Armut zu bekämpfen. So fiel ihre Kindersterblichkeitsrate zwischen 1995 und 2005 von 85 auf 74 je 1000 Lebendgeburten. Verglichen mit dem Nullwachstum, das für den Kontinent so lange Zeit typisch war, ist das ein großer Erfolg.
Das Risiko eines Rückfalls in die Gewalt - weil etwa eine kleine Elite ihre Privilegien verteidigen will oder weil wirtschaftliche Faktoren Krisen auslösen - darf nicht vernachlässigt werden. Die Regierungen dieser Länder und die internationale Gemeinschaft müssen Schritte unternehmen, um den bisherigen Fortschritt zu konsolidieren und die gleichmäßigere Verteilung der wirtschaftlichen Früchte zu gewährleisten.
Die Hauptverantwortung liegt bei den Führern und den Bürgern der afrikanischen Länder selbst. Zentrale Faktoren sind transparentere Rechenschaftssysteme der Regierung mit einem zeitnah erstellten und geprüften Haushalt, ein tragfähiges Rechtssystem, eine freie Presse, Meinungsfreiheit sowie verantwortungsbewusste, gut ausgebildete Staatsdiener. Notwendig sind ferner mutige Schritte, um die Wirtschaft zu diversifizieren und neue Chancen für die Armen zu schaffen, das Dickicht der Vorschriften und der Bürokratie zu lichten, die Infrastruktur für die ländliche Entwicklung auszubauen und die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern.
Die Industrieländer sollten sich sehr viel mehr den Importen aus Ländern mit niedrigem Einkommen öffnen. Können sie die Handelsbarrieren aus politischen Gründen nicht für alle Entwicklungsländer abbauen, sollten sie sich zunächst auf diejenigen Länder konzentrieren, die sich den Grundsätzen einer rechenschaftspflichtigen und transparenteren Staatsführung verpflichten.
Und schließlich ist die Frage der Sicherheit für Länder mit niedrigem Einkommen von höchster Bedeutung. Die internationale Gemeinschaft sollte eine ständige, professionell ausgebildete afrikanische Truppe unterstützen, anstatt ad hoc internationale Kräfte zusammenzustellen.
Die afrikanischen Regierungen und die internationale Gemeinschaft müssen diese Chance nutzen, um den Trend zu stärkeren, verantwortungsbewussten Regierungen und wirtschaftlichem Aufschwung zu stärken. Nichts weniger wünschen und verdienen die Völker Afrikas.

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