Ulrich Blum ist Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Deutschland ist zurück auf dem Wachstumspfad. Traditionsgemäß treibt der Export die Wirtschaft an. Die Energiepreise steigen wieder und gestatten es den Erzeugerländern, deutsche Anlagen und auch Luxusgüter in großem Stil einzuführen. Umwelttechnologien "made in Germany" sind weltweit ein Verkaufsschlager. Doch der Aufschwung hat auch eine Kehrseite: Die Massenkaufkraft kommt nicht in Gang. Die Binnennachfrage hinkt dem Export hinterher.
Anders als viele andere Unternehmen steckt die Adam Opel AG tief in der Krise. An ihr geht der Boom vorbei. Ein Grund dafür ist das im Sommer 2009 geschnürte Rettungspaket, das es untersagt, in wichtige Wachstumsmärkte wie China zu exportieren. Und noch ein Unternehmen ist in Schwierigkeiten: Der aus der Arcandor-Gruppe hervorgegangene Warenhauskonzern "Candora" leidet unter der lauen Binnennachfrage. Weil knapp fünf Millionen Menschen in Deutschland ohne Arbeit sind, sparen sie beim Einkauf. Das verschärft die strukturelle Krise, unter der das Unternehmen immer noch kräftig leidet.
In Anlehnung an den Fall des Baukonzerns Philipp Holzmann, der Ende 1999 von der Regierung gerettet wurde und im März 2002 trotzdem in die Pleite rutschte, sprechen politische Witzbolde bereits von einer neuen Maßeinheit: Ein Holzmann seien genau 27 Monate - die Zeit, die benötigt werde, um von einer staatlich verhinderten Insolvenz in eine unvermeidbare Insolvenz zu geraten und dabei einen Wahltermin zu überbrücken. Denn auch jetzt sind wieder 27 Monate seit der Rettung von Opel und Arcandor vergangen. Was witzig klingt, ist eine ökonomische Tragödie: Denn der Staat hatte im Sommer 2009 viele Milliarden in die Hand genommen, um beide Konzerne - und später noch andere - zu sanieren. Gerettet wurde nichts, übrig bleibt heute nur eine erhöhte Staatsschuld.
Dabei hatte die Regierung damals doch vorgebaut: Die Möglichkeit der finanziellen Hilfe sollte nur solchen Unternehmen zustehen, die bis zum Sommer 2008 noch nicht in Schieflage waren. Doch nach dem Vorbild der Banken, die Staatshilfe erhalten hatten, weil sie als systemisch galten, erklärten sich auch strauchelnde Unternehmen wie Opel, Arcandor oder die Schaeffler Gruppe für systemisch und versuchten, ihre teils dramatischen Fehleinschätzungen, also Managementfehler, der Weltfinanzmarktkrise unterzuschieben. Im Fall Arcandor versuchte die EU-Kommission noch gegenzusteuern. Doch nach dem Desaster der Europawahl 2009 erlahmte ihr Widerstandswille schnell.
Zwei extrem gegensätzliche Konzepte konkurrierten damals um Akzeptanz bei Ökonomen, Politikern und der Öffentlichkeit: ein irgendwie gearteter staatlicher Schutzschirm oder ein chirurgisches Entbündeln des Unternehmens mit strategischem Konkurs, Restrukturierung und Verkauf.