Es ist ja nicht so, als würde der staatlich alimentierte Zusammenschluss von Commerzbank und Dresdner keine Gewinner hervorbringen. Da ist allen voran Commerzbank-Chef
Martin Blessing . Kaum im Amt, kann er eine dieser Großfusionen vermelden, mit denen sich Firmenlenker unsterblich machen wollen. Dass der Staat, der 18,2 Mrd. Euro Eigenkapital aus Steuergeldern zuschießt, auf Jahrzehnte einflussreicher Kapitalgeber der "neuen" Commerzbank bleiben wird, hält er für ordnungspolitisch nachrangig. Jedenfalls hat Blessing selbst große Zweifel daran geäußert, dass er zu seinen Lebzeiten den Ausstieg des Staates noch erleben wird. Der Mann ist 45 Jahre alt.
Da ist Angela Merkel. Stets hat die Kanzlerin durchblicken lassen, dass sie ein zweites Großinstitut neben der Deutschen Bank will. Ob das überhaupt sinnvoll ist, wurde zumindest öffentlich nie ernsthaft diskutiert. Tatsächlich braucht die Regierungschefin nicht mehr länger ihre Kollegen in Paris oder Madrid um deren "nationale Bankenchampions" zu beneiden. Dass sie dafür mehr Geld ausgeben muss, als sie je in die Sanierung von Schulen, Kindergärten oder Universitäten stecken wird? Sei's drum. In dieser Krise sind Maß und Mitte schon lange verloren gegangen. Die Kanzlerin hat sich programmatisch ohnehin von fast allem verabschiedet, was sie einst wählbar gemacht hatte.
Fusion um jeden Preis
Und da ist die Dresdner-Mutter
Allianz . Viel mehr außer horrenden Verlusten hat die einst 24 Mrd. Euro teure Tochter dem Versicherer nicht eingebracht - ein unentschuldbares Managementversagen. Doch jetzt wird die Allianz, die 2007 mit 8 Mrd. Euro einen Rekordgewinn eingefahren hat, die Bank fast für lau los. Dass sie als Großaktionärin für die so plötzliche neue Schieflage der Dresdner viel stärker hätte mithaften können, hat keiner der Beteiligten ernsthaft erwogen - genauso wenig wie den Abbruch der Fusion.
Warum eigentlich nicht? Sicher, seit der Pleite der US-Bank Lehman Brothers und deren katastrophalen Folgen gelten Regierungen als leicht erpressbar. Niemand will sich vorwerfen lassen, die Weltfinanzmärkte in den Abgrund zu stürzen, weil er einem hilfsbedürftigen Institut die Rettung versagt hat.
Doch der Fall Commerzbank/Dresdner liegt anders. Hier ging es nicht um den Zusammenbruch einer der beteiligten Banken oder gar beider, sondern allenfalls um deren Stützung - in Wahrheit aber um die Fusion. Um jeden Preis. Es ist daher kein Wunder, dass Blessing den Deal nicht abgeblasen und nachgedacht hat, warum ihn die neuen Risiken in der Dresdner-Bilanz trotz monatelanger Durchsicht eigentlich so überrascht haben. Er wusste: Merkel würde ihn nicht fallen lassen - wegen der Angst vor dem Lehman-Faktor, mehr aber noch wegen ihres irrationalen Wunsches nach einem "Champion". Und die Allianz kann ihr Glück wohl kaum fassen, dass sie nicht nochmals die Dresdner im großen Stil rekapitalisieren muss.
Klar ist: Die erste Teilverstaatlichung einer privaten Bank nach 1945 wird das Land ordnungspolitisch nachhaltig verändern. Wohin die Reise gehen könnte, hat Wirtschaftsminister Michael Glos klargemacht: Die
Commerzbank solle das Kapital des Staates dafür nutzen, die Wirtschaft tüchtig mit Krediten zu versorgen. Das ist Linkspartei-Niveau. Wie soll das funktionieren, wenn Blessing zugleich die Bilanzsumme von 1100 Mrd. auf 800 Mrd. Euro abschmelzen, also das Kreditneugeschäft herunterfahren muss? Und wenn zudem der Kreditbestand wegen der Rezession ausfallgefährdeter ist denn je?
Vielleicht hat sich Bankfachmann Glos, der als KfW-Verwaltungsrat das
IKB -Desaster verschnarcht hat, ja Landesbanken und Sparkassen zum Vorbild genommen: Dort wurden dank staatlicher Rückendeckung jahrzehntelang Kredite vergeben, ohne allzu sehr auf die Risiken zu achten.
Wie lange hält Ackermann noch durch?
Das sind tolle Aussichten für die Commerzbank, die jährlich allein schon deshalb mindestens 1,5 Mrd. Euro verdienen muss, um die stille Einlage des Staates EU-gerecht zu verzinsen. Von Dividenden an die freien Aktionäre ganz zu schweigen. So ist das eben bei halb- oder vollstaatlichen Banken. Wie Ironie klingt es da, dass der meist dampfplaudernde, derzeit aber beredt schweigende Finanzminister Peer Steinbrück das Gesundschrumpfen der Landesbanken fordert. Letztere sind übrigens auch Gewinner des Commerzbank-Debakels: Die Lästerei der privaten Konkurrenz ist passé.
Noch unklarer ist, was Berlin langfristig will. Dass die Commerzbank, die selbst zu Boomzeiten kaum mehr als 20 Mrd. Euro wert war, dem Staat dessen 18,2 Mrd. Euro Eigenkapital zurückzahlen wird, ist unwahrscheinlich, Berlins dauerhafter Einfluss also gewiss. Was aber heißt das: Spricht im Kreditausschuss jetzt die Regierung mit? Womit müssen private Kapitalgeber rechnen? Kann die Commerzbank gewinnmaximierend arbeiten?
Umso verrückter erscheint in diesem Licht die teils asoziale Schelte vieler Politiker für Josef Ackermann, der sich bis jetzt beharrlich der Staatshilfe verweigert. Hoffentlich hält der Chef der Deutschen Bank durch. Die 82 Millionen Verlierer der Commerzbank-Dresdner-Fusion würden es ihm danken.