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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   17.09.2008, 10:33 Schriftgröße: AAA

Kommentar: AIG - Falsche Regeln der Regulierung

Weiß ein US-Versicherungsaufseher, was ein Credit Default Swap ist? Wohl nicht. Muss er es wissen: Aber ja! Die Verstaatlichung von AIG zeigt, woran die US-Aufsicht wirklich krankt: Die rechte Hand weiß meist nicht, was die linke tut. Bis etwas auf die Füße fällt. von Tobias Bayer
Den unbedarften Beobachter überrascht nichts mehr: 85 Mrd. $ stellt Washington bereit, um einen Zusammenbruch des Versicherungskonzerns American International Group  (AIG) zu verhindern. Die richtige Entscheidung? Ja. Allzu groß ist die Bedeutung des Unternehmens.
Nicht nur für den Kreditderivatemarkt, sondern auch für das Vertrauen der Anleger. AIG ist keine Investmentbank wie Lehman Brothers, bei man den hohen Verschuldungsgrad und den Risikoappetit schon aus dem Namen lesen kann, sondern ein Unternehmen für die kleinen Leute, die Haus- und Ladenbesitzer, die hoffen, dass eine Versicherung auch ihrem Namen gerecht wird.
Die Sorge war verständlich, dass im Fall des Zusammenbruch auch sichere Anlageklassen in Zweifel gezogen werden. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Die Amerikaner ziehen ihr Kapital aus Geldmarktfonds ab, mit dem Reserve Primary Fund fiel der erste bereits unter die Nettovermögenswertschwelle von 1 $ je Anteilsschein - "break the buck" heißt das.
Gramm-Leach-Bliley - die Wurzel allen Übels
Sehr groß ist die Überraschung aber, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Wie kann es sein, dass ein Versicherungskonzern unter den Augen der Aufsichtsbehörden überhaupt so in die Schieflage geraten kann? Wie kann es sein, dass das Risiko überhaupt so groß wird?
Eine mögliche Antwort lässt sich im Jahr 1999 finden. Damals brachte der Kongress den Gramm-Leach-Bliley-Act (GLB) auf den Weg. Das Gesetzesungetüm taucht in der öffentlichen Diskussion nicht auf, stellte aber die Weichen für die AIG-Katastrophe. Mit dem GLB reagierten die Abgeordneten auf die Fusion zwischen Citicorp und Travelers, also der Heirat zwischen Banken- und Versicherungswelt. Die stellte die Finanzaufseher vor große Probleme. Die Grundfrage lautete: Wer ist eigentlich für die Kontrolle eines solchen Mischunternehmens zuständig? Die Antwort lautete: Funktionale Regulierung - und sie erwies sich als dysfunktional.
Rangeleien zwischen Aufsichtsbehörden
Funktionale Regulierung hieß übersetzt: Verschiedene Sparten und Produkte werden von verschiedenen Behörden überwacht. In den USA obliegt die Versicherungsaufsicht den Bundesstaaten, für Geschäftsbanken ist das Office of the Comptroller of the Currency zuständig, die Fed schaut sich die Holdinggesellschaften an, Investmentbanken fallen unter die SEC-Kontrolle.
Ein Wirrwarr, der sich jetzt rächt: Die meisten staatlichen Versicherungsaufseher erkennen ein Credit Default Swap (CDS) erst dann, wenn er ihnen auf die Füße fällt. Den anderen Behörden fehlt wiederum der Gesamtüberblick. Eine Verständigung ist schwierig, weil jeder sich für sehr wichtig und unersetzbar hält. Die Marktkrise ist auch eine Egofrage.
Die Antwort aus dem AIG-Debakel muss lauten: Schluss mit der funktionalen Aufsicht. Mehr Verantwortung für die Fed. Und in Zukunft hoffentlich weniger Notkredite.
  • FTD.de, 17.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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