"Freiwillig" gehe Schrempp, dessen Vertrag noch bis zum Jahr 2008 gelaufen wäre, verkündet das Unternehmen, auf eine Abfindung verzichte er. Auffällig aber ist: DaimlerChrysler unterließ in der Ad-hoc-Mitteilung die lobenden Worte, die für einen scheidenden Konzernchef sonst üblich sind.
Er hatte sich rar gemacht in der Öffentlichkeit, der bullige Topmanager, der früher meist eine gewaltige Bugwelle vor sich herschob. Seit 44 Jahren arbeitet Schrempp "beim Daimler". Vom Lehrling hatte er sich an die Spitze des Konzerns emporgeboxt. Vor zehn Jahren übernahm er von Edzard Reuter die Führung des schwer angeschlagenen Traditionsunternehmens Daimler Benz, damals ein Gemischtwarenladen, der von der Waschmaschine über Flugzeuge bis zur Raumfahrttechnik alles Mögliche verkaufte. Auch Automobile. Schrempp drehte das Rad zurück und konzentrierte den Konzern wieder auf das, was er am besten kann: Autos bauen.
Seine Vision, aus dem Stuttgarter Traditionsunternehmen eine "Welt AG" zu machen, scheiterte allerdings grandios. Die Beteiligung am defizitären japanischen Mitsubishi-Konzern bescherte Daimler vor allem Kosten, aber keinen Durchbruch am asiatischen Markt. Schrempp musste das Engagement auf eine Finanzbeteilgung zurückschrauben. Die Fusion mit Chrysler im Jahr 1998, die in Wirklichkeit eine Übernahme des drittgrößten US-Automobilkonzerns war, drohte nach der ersten Euphorie zum Desaster zu werden. Chrysler entpuppte sich als schwerer Sanierungsfall.
Vor allem dem Geschick von Dieter Zetsche und seinem früheren Vize Wolfgang Bernhard ist es zu verdanken, dass Chrysler heute, nach straffer Rationalisierung, wieder Gewinn schreibt. Ob dieser Erfolg am US-Markt, der von brutalen Rabattschlachten geprägt ist, nachhaltig sein wird, steht allerdings in den Sternen.
Als Schrempp die Führung von Daimler Benz übernahm, fiel er vor allem durch brachiale Rhetorik auf: Er sei der einzige deutsche Spitzenmanager, der es sich erlauben könne, 1 Mrd. Mark Verlust einzufahren, und der trotzdem befördert werde. Das war auf den Untergang des niederländischen Flugzeugbauers Fokker gemünzt, den Schrempp als Chef der Daimler-Tochter Dasa gekauft hatte und der bald darauf Insolvenz anmelden musste.
Den "Shareholder Value" wollte Schrempp in Deutschland kultivieren, Vorfahrt für die Interessen der Aktionäre bei der operativen und strategischen Ausrichtung des Unternehmens einräumen. Den großen Zugewinn an der Börse jedoch blieb er den Anteilseignern des Konzerns schuldig.
Heute morgen allerdings, nach der Meldung von Schrempps Rücktritt zum Jahresende, schoss die DaimlerChrysler-Aktie um 8 Prozent nach oben. Ein bitterer Abschiedsgruß für den Herrn von "Bullshit Castle", wie Schrempp die Stuttgerter Daimler-Zentrale früher schon mal großspurig nannte. Schrempps Abgang war längst überfällig. Er ist ein Befreiungsschlag für den Konzern.