Wer genau hinsah, konnte schon am Wahlabend ahnen, dass die Verhältnisse in Hessen andere sind als im Rest der Republik. Klar, auch anderswo haben sich Politiker schon einmal voreilig zum Wahlsieger ausgerufen - so wie der Bayer und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, der seine jubelnden Anhänger am Abend der Bundestagswahl 2002 bereits ermunterte, "ein Glas Sekt" zu öffnen. Gefeiert haben dann am Ende die anderen.
Aber selbst Stoiber an seinen besten Tagen trat nie so auf, wie es Hessens SPD-Spitzenkandidatin
Andrea Ypsilanti am 27. Januar 2008 tat, als erste Hochrechnungen sie bereits als Ministerpräsidentin sahen: Links ihr Generalsekretär, rechts ihr Lebensgefährte - und als Ypsilanti lautstark, aber viel zu früh den Wahlsieg für sich reklamierte, konnte das Publikum sehen, wie ihr Schatz synchron die Lippen bewegte, so als würde er ihr die Worte für die Siegerrede einflüstern.
Zwölf Monate ist das jetzt her, und seitdem hat sich in Hessen vieles, wenn nicht alles verändert. Nach der Wahl regierte in Wiesbaden erst der Stillstand, dann der Wortbruch, dann das Chaos - Ministerpräsident
Roland Koch aber regierte nur noch ohne eigene Mehrheit, nachdem er von den Wählern für seine hässliche Kampagne gegen Ausländer abgestraft worden und politisch fast erledigt war. Wenn am Sonntag erneut gewählt wird, wird allen Umfragen zufolge jedoch genau dieser Koch die Siegeransprache halten dürfen.
Damit es wenigstens eine ehrliche Rede wird, sollte auch er sich die richtigen Worte soufflieren lassen. Sie lauten ungefähr so:
Liebe Freundinnen und Freunde, alle, die hier mitgekämpft haben, wir sagen heute Abend: Roland Koch und die hessische CDU sind wieder da!
Wir haben für eine andere politische Kultur in diesem Land gekämpft, und wir haben gewonnen, Freundinnen und Freunde!
Dieser Wahlsieg ist ein großartiger Erfolg für die CDU, weil wir verhindert haben, dass Rot-Rot-Grün dieses Land regiert. Er ist aber auch ein Sieg des politischen Anstands. Wir haben deutlich gemacht, dass wir als Union aus unseren schweren Fehlern vor der letzten Landtagswahl gelernt haben.
Auch ich persönlich habe verstanden, dass man nicht zu den billigsten Mitteln greifen und politische Gegner schamlos diffamieren muss, um als Politiker Erfolg zu haben.
Liebe Freundinnen und Freunde, ich gebe zu: Nicht nur viele von Ihnen haben sich verwundert gefragt, was bloß in den vergangenen Monaten mit dem Roland Koch passiert ist, den Sie kennen. Auch ich habe mich häufig selbst kaum wiedererkannt, wenn ich mich reden gehört habe.