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Merken   Drucken   17.11.2008, 10:54 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Benzin ist zu billig  

Als Autofahrer freuen wir uns über rapide sinkende Spritpreise. Auf Dauer ist der Kurseinbruch am Ölmarkt aber eine Katastrophe für uns alle: Er verhindert dringend nötige Investitionen. von Claus Hecking
An der Zapfsäule macht die Finanzkrise gerade richtig Spaß. Knapp 1,18 Euro für den Liter Super, volltanken für 'nen Fuffi - wann haben wir Autofahrer zum letzten Mal solche Schnäppchen gemacht? Und so heulen selbst im dichten Großstadtverkehr wieder die Motoren auf, quietschen die Reifen, werden die Gänge richtig hochgezogen - ganz anders als im Sommer, als der Sprit noch 40 Cent mehr kostete. Es ist unüberhörbar: Viele haben wieder Freude am Fahren. Doch der Spaß wird uns schnell vergehen, sobald diese Krise einmal vorbei ist. So paradox es klingt: Der größte Verlierer der abstürzenden Ölpreise wird der Verbraucher sein.
Nichts bringt den Rohölmarkt mittelfristig so in die Klemme wie der Preiseinbruch der vergangenen vier Monate. Im Juli kostete das 159-Liter-Fass noch fast 147 $, heute wird es für weniger als 54 $ verramscht. Bleibt es dabei oder fällt der Markt noch weiter, gerät die künftige Ölversorgung der Welt in Gefahr.
Dramatischer Förderrückgang
Der Kern des Problems ist, dass der Crash Milliardeninvestitionen infrage stellt. Ohne diese Investitionen drohen dem globalen Erdölmarkt bald Angebotsengpässe, wie wir sie noch nie erlebt haben. Zum einen sinkt die Ausbeute der alten, großen Felder in einem besorgniserregenden Tempo. Nach einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) geht die Förderung der 500 weltgrößten Vorkommen pro Jahr um neun Prozent zurück. So viel hatten selbst Schwarzseher nicht erwartet. Zum anderen wird der globale Ölverbrauch weiter wachsen, und zwar von derzeit gut 85 auf weit über 100 Millionen Barrel pro Tag bis 2030 - es sei denn, die Weltwirtschaft stürzt in die Depression.
Um den dramatischen Förderrückgang der wenigen alten großen Felder auszugleichen und die zusätzliche Nachfrage zu stillen, müssen nun sehr viele neue kleine Felder erschlossen werden. Das ist richtig teuer, gerade weil die Zeiten des "einfachen" Öls vorbei sind. Nur an wenigen Orten der Welt wie etwa in Kuwait sprudelt es noch ohne allzu aufwendige technische Hilfen aus dem Boden. 1 Mrd. $ müssen nach Berechnungen der IEA bis 2030 investiert werden, um den Weltmarkt in der Balance zu halten. 1 Mrd. $ pro Tag, wohlgemerkt.
Die Krise trifft den Markt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Gerade hatten sich große Ölanbieter zu umfangreichen Investitionsprogrammen durchgerungen, private Konzerne wie auch Förderstaaten. Bei Erträgen von 80 $ und mehr je Barrel macht die Ölgewinnung aus Sänden, mehrere Tausend Meter unter dem Meer oder an anderen schwer zugänglichen Orten wirtschaftlich Sinn. Bei 54 $ ist sie meist ein Verlustgeschäft.
  • Aus der FTD vom 17.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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