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Merken   Drucken   09.04.2008, 19:49 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Bilanztricks helfen nicht  

Der Finanzsektor sucht nach Auswegen aus der selbst verschuldeten Krise. Dabei gerät das IFRS-Regelwerk in die Kritik - zu Unrecht. von Rolf Lebert
Das Spiel ist bekannt und hat namentlich in Deutschland Tradition. Wenn irgendetwas schiefläuft, muss jemand schuld sein. Und weil niemand gern schuld ist, sind es bevorzugt die anderen. Das können wahlweise Personen oder Umstände sein. In der seit Mitte 2007 grassierenden Finanzkrise wurden zuletzt die weltweit adaptierten Bilanzregeln IFRS als eine der Wurzeln des Übels geortet. Josef Ackermann, der Vorstandschef der Deutschen Bank und Präsident der internationalen Bankenorganisation IIF, drückte dies so aus: "Wir haben heute Produkte, die aufgrund der Preisgestaltung von Ausfallwahrscheinlichkeiten von 15 bis 20 Prozent ausgehen. Weil wir aufgrund von Mark-to-Market verkaufen müssen, kommen wir in eine ganz schwierige Lage. Das ist das größte Problem heute überhaupt."
Das "größte Problem heute" ist also nicht die ungehemmte Überschwemmung der Weltfinanzmärkte mit mehrfach mutierten Verbriefungskonstruktionen, deren zugrunde liegende Sicherheiten kaum noch zu identifizieren und zudem noch von miserabler Qualität sind. Das Problem ist auch nicht die durch schwindelerregende Erfolgsprämien angeheizte Gier, mit der die Verkaufsmaschinerie der Finanzkonzerne geschmiert wurde. Nein, das größte Problem poppt erst am Ende der Kette auf, wenn Bilanz gezogen werden muss.
Bankenpleite als extreme Folge
Es spricht einiges dafür, dass die IFRS prozyklisch wirken und eine Krise wie die jetzige verstärken können. Das liegt daran, dass Wertpapiere zum Fair Value, also zu Zeitwerten bilanziert werden müssen. Diese Rechnungslegung führt in Zeiten, in denen ganze Wertpapierkategorien illiquide werden, zu ergebniswirksamen oder -neutralen Abschreibungen, je nachdem, in welchen Beständen die Wertpapiere gebucht werden. Im Extremfall führt das zu milliardenschweren Verlusten und zur Pleite der Bank.
Aber die Bilanzierungsregeln sind genauso wenig vom Himmel gefallen wie die Kreditkrise. Bilanzen spiegeln den Zustand von Unternehmen nur wider. Sie können niemals Ursache für Fehlentwicklungen sein, egal welchen Methoden oder Grundsätzen sie folgen. Es ist nebensächlich, ob Vorsicht und Gläubigerschutz im Vordergrund stehen wie in der alten deutschen HGB-Bilanz oder das Informationsbedürfnis der Anleger wie bei IFRS.
Der Siegeszug der IFRS entspringt den Forderungen angelsächsisch geprägter Investoren. Das Unternehmen soll seine Gewinne zeigen und nicht verstecken, es soll seine Risiken offenlegen und nicht verschleiern, es soll darstellen, nach welchen Kriterien seine Führungskräfte bezahlt werden und ob sie ihr Geld wert sind. Die IFRS sind die adäquaten Bilanzierungsstandards eines Kapitalismus unter den Bedingungen der Globalisierung. Nichts soll den Augen der Aktionäre verborgen bleiben. Und Aktionäre wollen vor allem Rendite sehen. Es waren in Deutschland vor allem die Banken, die sich für die IFRS starkgemacht haben. Damit wurde in der Folge handfest Politik gemacht. So ist aus dem deutschen Mittelstand immer wieder die Klage zu hören, dass Banken ihre Kreditkonditionen davon abhängig machen, ob das Unternehmen nach IFRS bilanziert.
Wenn der Bock zum Gärtner wird
Und nun rufen ausgerechnet die strammsten Verfechter der Transparenz nach Aufweichung. Wie so oft ist das Hemd näher als der Rock. Es mag sein, dass für Banken die strikte Zeitwertbilanzierung ausgesetzt oder die Umschichtung von Handels- in marktfernere Wertpapierbestände zugelassen wird, um Abschreibungen zu vermeiden.
Aber wie man es auch macht, das Problem wird dadurch nicht verschwinden. Das Risiko wird sich nicht auflösen, wenn offene Verluste in stille Lasten umgewandelt werden. Der Finanzsektor hat sich die Suppe selbst eingebrockt, die er jetzt auslöffeln muss. Einschließlich der darauf zugeschnittenen Bewertungsregeln, die bei schönem Wetter die Gewinne explodieren ließen.
Vertrauen schafft man nicht mit Tricksereien. Bei gut geführten Banken, die ihre Risiken kennen und beherrschen können, wird sich der Schaden wie bisher in Grenzen halten. Sie können guten Gewissens zeigen, was sie haben. Die Hasardeure sollen dagegen für das bezahlen, was sie angerichtet haben.
  • Aus der FTD vom 10.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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