Es dauerte keine zwölf Stunden, da war der Ölkrisengipfel von Dschidda verpufft. Die Börse in Singapur eröffnete den Handel - und die Rohölnotierungen stiegen. Es schien, als wollten die Anleger die Teilnehmer des Treffens verhöhnen, die für sinkende Preise gekämpft hatten. Und so konnte Opec-Generalsekretär Chakib Khelil sich nicht verkneifen, wieder mal gegen die bösen Finanzinvestoren zu wettern, die ihm zufolge schuld am schier unaufhaltsamen Preisanstieg sind. Eins jedoch verschweigt Khelil bei seinen Tiraden konsequent: Die Opec selbst zählt mit ihrer Intransparenz zu den wichtigsten Helfern der Spekulanten.
Das Kartell hat die globale Ölversorgung in seiner Hand. Schon jetzt fördern die Opec-Staaten 43 Prozent des weltweit verbrauchten Brennstoffs. Und dieser Anteil dürfte weiter steigen. Mehr als drei Viertel der Reserven, 935 Milliarden Barrel, sollen unter dem Boden der zwölf Mitgliedsnationen liegen.
Wundersame Ölvermehrung
Die Betonung liegt auf sollen. Schließlich gewähren die meisten Opec-Staaten unabhängigen Experten keinen Zutritt zu ihren Feldern. Und dass ihre offiziellen Reservedaten stimmen, glaubt niemand mehr. Die Zahlen sind zu absurd: Saudi-Arabien etwa gibt seit 1989 stets Mengen zwischen 260 und 265 Milliarden Barrel an. Dabei hat das Land im selben Zeitraum mindestens 60 Milliarden Fass gefördert, aber keine ebenbürtigen Neuentdeckungen verkündet. Der auf Benzinimporte angewiesene Iran beziffert seine Reserven auf 138 Milliarden Fass - eine Zahl, die nach Ansicht des kürzlich verstorbenen, renommierten iranischen Ölmanagers Ali Bakhtiari um 100 Milliarden Barrel über jeder realistischen Einschätzung liegt. Und glaubt man Kuwaits offiziellen Zahlen, liegen die Vorräte seit 1989 konstant zwischen 97 und 102 Milliarden Fass. Dabei ist bekannt, dass Kuwaits mit Abstand wichtigstes Feld Burgan, das einst Saddam Husseins Truppen in Brand steckten, nun zur Neige geht.
Die Daten von "Petroleum Intelligence Weekly" erscheinen da schon realistischer. Das Fachmagazin berichtete unter Berufung auf Mitarbeiter des kuwaitischen Ölministeriums, dass die Reserven gerade einmal bei 48 Milliarden Fass lägen. Die Regierung dementiert dies. Doch die Opposition legte vergangene Woche nach und zitierte geheime Akten der staatlichen Ölgesellschaft: Diesem zufolge ruhen unter Kuwaits Boden nur noch 24 Milliarden Barrel. Stimmt das, so fehlen der Welt plötzlich 77 Milliarden Fass. So viel verbrennt sie in zweieinhalb Jahren.
Anfang der 80er-Jahre erschienen die Angaben der meisten Opec-Mitglieder noch einigermaßen glaubwürdig. Dann aber setzte die wundersame Ölvermehrung ein: Kuwait erhöhte 1984 seine offiziellen Reserven schlagartig von 60 auf 90 Milliarden Barrel. Der Irak "entdeckte" mitten im Krieg gegen den Iran 70 Milliarden Fass. Die Saudis erklärten 1989 ohne nähere Begründung, man besitze 260 statt der bisher angegebenen 170 Milliarden. Und glaubt man der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate, hat sich der nationale Ölschatz seit 1980 verdreifacht. Dabei vermelden die Araber seit Jahren weder spektakuläre Einzelfunde noch erhöhte geologische Aktivität unter der Wüste.