Freie Medien sind jetzt nicht unsere große Sorge, wir wollen erst mal vorwärtskommen, Geld verdienen, unseren Lebensstandard verbessern", sagt ein chinesischer Bekannter, der in der Volksrepublik für einen Medienkonzern arbeitet. Das Argument klingt nachvollziehbar - und hat doch einen großen Haken: Wenn China seinen Wohlstand weiter steigern will, dann wird es mehr Freiheit brauchen.
Denn die Zensur der Medien, die jetzt bei Olympia für internationale Schlagzeilen sorgt, ist nur ein Symptom eines tiefer gehenden Problems: die in China allzu oft fehlende Fähigkeit, Themen kontrovers zu erörtern. Noch immer gilt: Die Partei befiehlt, das Volk führt aus; eine ausgeprägte Obrigkeitshörigkeit erstickt jede Kreativität.
In einer entwickelten Wirtschaft muss die Regierung ihren aufgeklärten Bürgern jedoch zutrauen, dass sie in der Lage sind, aus These und Antithese eine schlüssige Synthese zu folgern, sich aus vielen Quellen verschiedene Meinungen anzuhören und eigene Schlüsse zu ziehen. Ohne mehr Offenheit wird auch der ökonomische Fortschritt der Volksrepublik in Gefahr geraten. Chinas Arbeitsmarkt leidet schon heute unter der starken Autoritätsgläubigkeit der Arbeitnehmer. Er könne mit seinen chinesischen Mitarbeitern kaum diskutieren, berichtet ein deutscher Manager. Meist existiere nur eine Meinung, die von der offiziellen Presse geprägte. Konträre Sichtweisen ließen sich schwer vermitteln.
Kreativität und Innovationsfähigkeit fehlen
Internationale Unternehmensberatungen und multinationale Konzerne klagen seit Langem über fehlenden Führungsnachwuchs. Viele von ihnen stellen für anspruchsvolle Jobs keine Kandidaten mehr ein, die allein in China ausgebildet sind. Ihnen fehle es am eigenständigen, lösungsorientierten Denken, klagt ein leitender Consultant.
Die Ausführung von Aufträgen klappt gut, aber Vorschläge für Verbesserungen oder neue Prozesse gebe es fast nie, sagt die Managerin eines deutschen Mittelständlers. Und so nehmen viele Konzerne in Kauf, dass sich neue, ausländische Mitarbeiter lange einarbeiten müssen in Sprache und Kultur des fremden Landes. Oder sie bedienen sich für Topjobs bei Chinesen, die einen zentralen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolviert haben.
Kreativität und Innovationsfähigkeit fehlen auch einheimischen Firmen. Solange China die Werkbank der Welt war, war das kein Problem. Eifrig wurde gefertigt, T-Shirts und Spielwaren, Autos und Kleinelektronik. Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil, günstige Löhne und Fleiß, konnte den Chinesen so leicht keiner streitig machen. Doch das ändert sich: Seit 2000 sind die Löhne jedes Jahr um mehr als zwölf Prozent gewachsen, im ersten Quartal lag die Gehaltssteigerung im Schnitt bei 18 Prozent.
Hinzu kommt der starke Renminbi. Konkurrenz über den Preis wird im Vergleich zu neuen Billigproduzenten wie Kambodscha oder Bangladesch immer schwieriger. Effizienzsteigerungen und Innovationen sind notwendig. Doch dafür hat China die Voraussetzungen nach Ansicht vieler ausländischer Unternehmer vor Ort noch nicht geschaffen.
Für viele Chinesen muss sich das arrogant anhören. Die politische Lage hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entspannt, es gibt immer öfter Bürger, die sich der Regierungsmeinung widersetzen. Zu Jahresanfang etwa wurde der Transrapid-Ausbau in Schanghai nach Anwohnerprotesten auf Eis gelegt.