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Merken   Drucken   06.07.2009, 13:44 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Chinas Pulverfass  

Nichts fürchtet Peking mehr, als dass ein Teil des Landes sich abspaltet. Und tatsächlich träumt ein Teil der Uiguren von einem eigenen Staat. Doch gerade die Härte, mit der nun wieder Proteste niedergeschlagen werden, könnte den Kern einer echten Unabhängigkeitsbewegung schaffen. von Ines Zoettl (Berlin)
Es ist keine neue Erkenntnis: Die chinesischen Machthaber gehen mit Bürgern, die sie als "Störer" ihrer Ordnung empfinden, alles andere als zimperlich um. Das bekommen Regimekritiker, Journalisten, aber auch einfache Arbeiter zu spüren, sobald sie Missstände anprangern oder sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen.
Wo es aber um vermeintliche Angriffe gegen die Souveranität Chinas geht, reagiert die Führung in Peking - oder ihre Statthalter vor Ort - noch wesentlich drastischer: mit ungeschminkter, brutaler Härte und oft genug hysterisch. In Tibet bekam das die Welt bei der Niederschlagung der Mönchsproteste zu sehen - und in der Uiguren-Provinz Xinjiang sieht sie es nun wieder.
China fürchtet nichts mehr, als dass sich die ressourcenreiche Region abspalten und einen totalen Zerfall des ganzen Riesenreiches in Gang setzen könnte. Und tatsächlich gibt es Uiguren, die von einem unabhängigen "Ostturkestan" träumen, das weite Teile Zentralasiens umfassen würde. Uigurische Terroristen haben Anschläge verübt und es gibt wohl Verbindungen zur Terrororganisation al-Kaida.
Dass sich die jüngsten Proteste in Xinjiang abseits von weiten Teilen der chinesischen Bevölkerung abspielen und keine politische Zielrichtung hatten, ist der chinesischen Regierung vor diesem Hintergrund egal. Mindestens 140 Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen in der Provinzhauptstadt Ürümpi am Sonntag ums Leben. Was sich in der dünn besiedelten Region im äußersten Nordwesen Chinas genau zugetragen hat, ist unklar. Mag sein, dass die Präsidentin des Uigurischen Weltkongresses recht hat, wenn sie sagt, dass es die Proteste nie gegeben hätten, wenn die Behörden die Morde an zwei uigurischen Fabrikarbeitern richtig untersucht hätten.
Doch für das chinesische Regime ist jeder Aufstand brandgefährlich, ganz gleich, ob es um Autonomie oder etwas ganz anderes geht. Daher versuchen die Sicherheitskräfte, die Auflehnung bereits im Keim zu ersticken. Der Kampf gegen Separatisten verschmilzt mit dem gegen jede Form von Unbotmäßigkeit. Dass das Regime mit seinem brutalen Vorgehen den Kern zu einer echten Unabhängigkeitsbewegung damit möglicherweise erst schafft, ist die Ironie dieser Geschichte.
  • FTD.de, 06.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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