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Merken   Drucken   02.05.2008, 15:57 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Das schwarze Loch der Weltwirtschaft  

Explodierende Öl- und Gaspreise, ein beschleunigter Klimawandel, drohende Hungerkatastrophen - all das hat dieselbe Ursache: Die Energieversorgung der wachsenden Weltbevölkerung stößt an Grenzen. Schlimmer noch: Strategien zum Umsteuern existieren nicht einmal im Ansatz. von Olaf Preuss
Wäre die Weltwirtschaft angeklagt in einem Indizienprozess wegen schwerer und fahrlässiger Körperverletzung, dann sähe es für die Angeklagte derzeit nicht gut aus. In den Schwellen- und Entwicklungsländern können Hunderte Millionen Menschen kaum noch ihre Grundnahrungsmittel bezahlen, weil die Preise für Reis, Weizen, Mais und Soja in den vergangenen Jahren explodiert sind. In Washington stellt ein Institut der US-Regierung fest, dass der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in diesem Jahrzehnt weit schneller gestiegen ist als bislang vermutet. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris warnt vor weiter anziehenden Ölpreisen und mahnt, dringend Alternativen zu entwickeln, um den heutzutage wichtigsten Energieträger zu ersetzen.
Die Weltwirtschaft ist allerdings nicht angeklagt - allein schon deshalb nicht, weil es eine "Weltwirtschaft" im Hinblick auf den Konsum von Energieressourcen und Rohstoffen nicht gibt. Zwar existiert ein globaler Markt, der heute für alle Akteure mehr oder minder frei zugänglich ist. Es gibt aber keinerlei gemeinsame Basis oder Strategie der Staaten dafür, diesen Markt langfristig zu erhalten und ihn zum Nutzen möglichst vieler Menschen weiterzuentwickeln, anstatt ihn durch ökonomische und ökologische Exzesse absehbar zu schwächen. Die wichtigste Gemeinsamkeit, die alle Akteure dieses Marktes verbindet, ist der Drang nach kurzfristig profitablem Wachstum.
Ziele von Reich und Arm unvereinbar
Die reichen Industriestaaten des Westens sowie Japan trachten danach, rund 200 Jahre nach Beginn der industriellen Revolution ihren Reichtum und den enormen Lebensstandard ihrer Bevölkerungen mindestens zu erhalten, ihn möglichst auszubauen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer wiederum sind heute eng untereinander wie auch mit den westlichen Märkten verbunden; mit viel Elan versuchen sie, zum volkswirtschaftlichen Reichtum der Industriestaaten aufzuschließen. Die Ziele der reichen und der vergleichsweise armen Länder schließen sich jedoch gegenseitig aus, betrachtet man sie unter dem Aspekt der Energieversorgung. Es ist unmöglich, dass jeder der heute rund 6,7 Milliarden Menschen die gleiche Menge an fossilen, kohlenstoffhaltigen Energierohstoffen verbraucht, wie sie heutzutage die rund eine Milliarde hoch privilegierte Bürger in den Industriestaaten konsumieren.
Die Versorgung mit Energie ist das Fundament für die menschliche Existenz. In Europa hat sich mittlerweile weithin die Sichtweise durchgesetzt, dass die Energieversorgung sicher, bezahlbar, aber auch ökologisch tragfähig sein muss. Zumindest der letzte Anspruch wird heute weltweit nicht erfüllt. Die globale Energieversorgung, die vor allem auf den fossilen Quellen Erdöl, Kohle und Erdgas basiert, zerstört die relative Stabilität des Klimas; die Folgen für die Wetterbildung, für Böden, Wälder und Meere, für Menschen, Tiere und Pflanzen sind unabsehbar. Keine Klimapolitik hat diese Gefahr bislang gebannt.
  • Aus der FTD vom 03.05.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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