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Merken   Drucken   22.05.2008, 14:16 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Der grausam ehrliche Ölmarkt  

Die ölimportierenden Staaten haben es jahrzehntelang versäumt, ihre extreme Abhängigkeit von diesem Energieträger entscheidend zu senken. Jetzt kommt die Quittung. von Olaf Preuß
Es ist zunächst vollkommen zweitrangig, ob vor allem "Spekulation" den Rohölpreis auf inzwischen mehr als 135 $ je Barrel (159 Liter) getrieben hat, oder ob es "Fundamentaldaten" waren. Tatsache ist: Für die magische Grenze von 100 $, die Anfang März durchbrochen worden war, interessiert sich niemand mehr. Magie für alle Ölmarkt-Orakel entfaltet nunmehr bereits die Marke von 200 $.
Der Schmierstoff der Weltwirtschaft droht zum Giftstoff für die Konjunktur zu werden. Für Schwellen- und Entwicklungsländer mit hohem Importbedarf und wenig effizienter Infrastruktur ist das besonders schmerzhaft. Aber auch für Europas Volkswirtschaften wird es nun unangenehm, trotz des Schutzmechanismus', den der starke Eurokurs gegenüber dem Dollarprodukt Öl immer noch bietet.
Entscheidend für die Bewertung des Ölmarktes ist, dass Öl kurzfristig nicht in nennenswertem Umfang ersetzt werden kann: Zu einem Anteil von mehr als 95 Prozent liefert es die Energie für die globale Mobilität. Zudem ist es der wichtigste Rohstoff für die Grundstoffchemie. Jetzt rächt sich die Kurzsichtigkeit der Ölverbraucher: Viel zu wenig wurde in den vergangenen Jahren unternommen, um die dramatisch hohe Abhängigkeit der Volkswirtschaften von diesem einen Energieträger zu verringern. Das gilt auch für das hochentwickelte Deutschland, das sich für einen Vorreiter bei Energieeffizienz und Umweltschutz hält.
Der drastisch gestiegene Ölpreis hat zu Ausweichreaktionen geführt, die auf ihre Weise ebenfalls wieder einen negativen Einfluss auf die Weltwirtschaft nehmen. Am gravierendsten schlägt sich dabei der schnelle und unüberlegte Ausbau der Biospritproduktion nieder. Die Spritindustrie bildet am Agrarmarkt nun eine verschärfte Konkurrenz für die Nahrungsmittelwirtschaft, steigende Preise für Grundnahrungsmittel treiben Hunderte Millionen Menschen zusätzlich in den Hunger.
"Peak-Oil"-Theorie plötzlich in aller Munde
Nun kommen auch jene aus der Reserve, die bislang stets abwiegelt haben: Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris drängt darauf, Öl mit Hochdruck durch neue Technologien und andere Energieträger zu ersetzen. Topmanager von Ölkonzernen wie Shell oder Total geben unumwunden zu, dass es zur weiteren Erhöhung der Ölproduktion exponentiell steigender Investitionen und Anstrengungen bedarf. Die "Peak-Oil"-Theorie ist in der Branche plötzlich in aller Munde - jene Annahme, die bislang nur eine Minderheit von Experten vertrat und die besagt, dass die Ölförderung schon in naher Zukunft die steigende Nachfrage nicht mehr wird decken können. Genau jene Preisexplosion am Ölmarkt, die seit Beginn des Jahrzehnts zu beobachten ist, sagen die Peak-Oil-Theoretiker bereits seit Jahrzehnten voraus, und zwar als Begleitmusik für jenes Stadium, in dem Angebot und Nachfrage auseinanderzudriften beginnen.

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