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Merken   Drucken   07.01.2009, 08:46 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Der große Selbstbetrug  

Nach jedem Absturz jammert die Menschheit über das böse Wesen des Kapitalismus. Sie fordert zu viel. Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, kein humanistisches Erziehungsprogramm. von Sven Clausen
Die meisten Menschen in der Wohlstandsgesellschaft leben ganz behaglich mit der Vorstellung, sich in einem Umfeld ständiger Verbesserung zu befinden. In Europa herrscht Frieden, zwischen dem Kontinent und den USA auch, das Verhältnis zu Russland und China ist okay, es gibt Nobelpreise, es geht zum Mond und zum Mars, neuerdings werden die Gefahren für Klima und Umwelt bekämpft. Und das Beste ist: Der Wohlstand nimmt beständig zu.
All das gibt das gute Grundgefühl, bei einer ordentlichen Sache mitzumachen, einer wirklich sehr ansehnlichen, eigentlich sogar vorbildlichen Kulturgemeinschaft. Das Wirtschaftssystem, das vieles davon erst ermöglicht, ist zwar kapitalistisch und produziert viele Verlierer. Aber gut - es ist halt unter dem Strich doch ziemlich leistungsfähig.
Solch ein anerkannt erfolgreiches Wirtschaftssystem müsste in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich einen hübschen Imagepuffer aufgebaut haben, um auch mal einen Stopp beim Wohlstandswachstum gut verkraften zu können und nicht gleich infrage gestellt zu werden. Sogar ein Wohlstandsrückgang darf nicht sein Untergang sein. Selbst wenn sich der Reichtum auf das Niveau von 2007 oder 2006 oder 2005 reduzieren würde - nicht schön, für viele Einzelne sogar dramatisch und alarmierend, das System insgesamt aber müsste das angesichts der Erfolge der Vergangenheit locker wegstecken und auspendeln können.
Hang zur Fahnenflucht
Die Wirklichkeit macht einen anderen Eindruck. Überall wird der Systemuntergang herbeigeredet. Kapitalismus - Sinnkrise mindestens, oft aber auch: Ende, Aus, Schluss. Natürlich haben viele prominente Protagonistent kläglich versagt, Institutionen auch. Warum aber soll dann gleich der Kapitalismus in toto am Ende sein? Woher kommt diese leicht provozierbare Bereitschaft zur Fahnenflucht? Und wo wird mal Anerkennung über den Erfolg der vergangenen Jahrzehnte artikuliert? Warum wird so wenig davon verteidigt?

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