Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich die zwei Jahrzehnte als Finanzjournalist in London und New York damit verbracht, den Kollaps oder die Übernahme von Investmentbanken mit anzusehen: Barings, SG Warburg, JP Morgan, Bear Stearns, und jetzt Lehman Brothers und Merrill Lynch. Dieser schwarze Sonntag war dennoch anders, weil er nicht einfach das Ende von Lehman und die Kapitulation von Merrill darstellt, sondern den letzten Atemzug der unabhängigen Investmentbank als solcher. Morgan Stanley öffnete auf der Wall Street am Montag, 16. September 1935. Fast genau 73 Jahre später stirbt die Institution des Brokers. Goldman Sachs und Morgan Stanley sind die letzten Bastionen unter den unabhängigen Investmentbanken der Wall Street. Wie lange die beiden die Kapitaldeckung durch eine Geschäftsbank noch abweisen werden, muss sich zeigen.
Natürlich wird es auch in Zukunft Investmentbanken geben. Aber sie werden kleinere Spezialinstitute sein wie die alte Handelsbank. Dieser Crash wird noch mehr Beratungsfirmen, Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds hervorbringen. All die arbeitslosen Banker werden etwas zu tun brauchen.
Schluss mit Rundumservice
Die Investmentbank mit Rundumservice, die Aktien und Anleihen für Kunden kauft und verkauft, Unternehmen berät und mit ihrem eigenen Kapital handelt, ist dem Untergang geweiht. Banken wie Lehman haben sich in dem Bemühen, mit größeren Instituten mitzuhalten und entsprechende Einkünfte zu generieren, in Risiken gestürzt, die sie schließlich niedergerissen haben.
Aktienhändler wie Morgan Stanley wurden von dem Glass-Steagall Act von 1933 hinausgedrängt, der die Trennung von Banken und Investmentbanken erzwang. Ihr Schicksal wurde wahrscheinlich am 1. Mai 1975 besiegelt, als feste Gebühren für den Wertpapierhandel abgeschafft wurden und die Einkünfte der Broker unter Druck gerieten. Auf diese Gebühren waren die Investmentbanken während der Finanzverwerfungen infolge der Ölkrise 1973 angewiesen.
Dann folgten 30 Jahre der Blüte. Sie wuchsen schnell, stellten Tausende von Mitarbeitern ein und expandierten weltweit. In den 90er-Jahren fegten die großen Wall-Street-Häuser durch die Londoner City und lasen kleinere Handelsbanken wie Warburg und Schroders auf. Unter der Oberfläche jedoch fuhren sie die Risiken hoch. Mit ihrem traditionellen Kerngeschäft, dem Verkauf von Wertpapieren, konnten sie sich immer schwerer über Wasser halten, weil die Gebühren auf Bruchteile eines Prozentpunkts pro Handel geschrumpft waren.
Also mussten sie sich für ihre Profite anderweitig umschauen. Sie begannen, mit ihrem eigenen Kapital (und später dem anderer Leute) zu zocken. Salomon Brothers hatte als Erster seine Handelsabteilung, die eigenes Geld auf Marktbewegungen setzte, während die Bank gleichzeitig Papiere im Auftrag ihrer Kunden kaufte und verkaufte.
Banken beteuerten, ihre starken Absicherungssysteme würden verhindern, dass Insiderinformationen ihrer Kunden zu den eigenen Handelsabteilungen durchsickern. Aber zweifellos zogen die einen Vorteil daraus, im allgemeinen Informationsfluss zu sein. Auf die Handelsprofite von Goldman Sachs blickten Konkurrenten voll Neid.
Investmentbanken expandierten auch im Bereich komplexer Finanzpapiere wie Collateralized Debt Obligations. Dabei half ihnen die Entscheidung der US-Notenbank, die Zinsen nach dem 11. September 2001 scharf zu senken, womit sie einen Boom im Immobiliensektor und bei Hypotheken auslöste. Damit gingen die Investmentbanken aber lebensbedrohliche Risiken ein. Sie hatten zu wenig Kapital, um mit einem Rückgang im Häusermarkt oder Märkten generell fertig zu werden. Als es so weit kam, waren (bis jetzt) drei der fünf größten Banken mit Kapital und Zuversicht am Ende.
Das Schicksal der Übriggebliebenen
Goldman und Morgan Stanley sind jetzt auf dem Prüfstand. Wie wir jetzt mit ansehen konnten, kann ein einziger großer Fehler genügen, um eine fatale Spirale auszulösen. Selbst eine Garantie der Fed für kurzfristige Finanzierungen konnte Lehman nicht vor dem Gläubigerschutz nach Kapitel 11 retten.
Ich sehe zwei Optionen für Goldman und Morgan Stanley. Die eine ist, es Merrill gleichzutun und sich einer Geschäftsbank mit einer großen Kapital- und Einlagebasis anzudienen. Das würde ihnen die nötige Rückendeckung für ihre Kapitalmarktabteilungen verschaffen, die in guten Zeiten Einkommens- und Profitzentren sein können.
Zweitens können sie ihre Handelsdivisionen stark beschneiden oder abschaffen und mehr wie große Hedge-Fonds oder Private-Equity-Gesellschaften werden. Im Wall-Street-Jargon wäre das ein Wechsel von der Sell-Side zur Buy-Side, wo inzwischen das meiste Geld gemacht wird. Dafür, dass sie kleiner würden, könnten sie möglicherweise ihre hohen Margen behalten.
Ich vermute, dass Morgan Stanley die erste und Goldman die zweite Option verfolgen wird. Es ist traurig, 73 Jahren Investmentbankinggeschichte so zu Ende gehen zu sehen. Aber es bringt nichts, es zu verleugnen.