Martin Wolf ist FT-Kolumnist.
Ist die Weltwirtschaft auf dem Weg aus der Krise? Hat die Welt die richtigen Lektionen gelernt? Die Antwort auf beide Fragen ist: nur teilweise. Wir haben einige wichtige Dinge getan und einige richtige Schlüsse gezogen. Aber wir haben weder genug getan noch genug gelernt. Die wirtschaftliche Erholung wird langsam und schmerzhaft sein - und die Gefahr von Rückschlägen ist groß.
Die guten Neuigkeiten zuerst: Die Finanzkrise im engeren Sinne ist vorbei. Die Aktienkurse sind gestiegen, die Liquidität kommt zurück ins System, die Banken können sich wieder selbst Kapital beschaffen, und die extremen Risikoaufschläge an den Finanzmärkten sind verschwunden.
Auch was die Realwirtschaft betrifft, ist das Schlimmste offenbar überstanden. Wie die Industriestaatenorganisation OECD in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick berichtet, wurden die Prognosen für die gesamte OECD-Zone zum ersten Mal seit Juni 2007 nach oben korrigiert. Auch der Internationale Währungsfonds hat in seinem neuesten World Economic Outlook für 2010 ein um gut 0,5 Prozentpunkte höheres Wachstum vorausgesagt als noch im April.
Ein solcher Wendepunkt der Prognosen ist ein Indikator für eine bevorstehende Erholung. Für die USA, Japan und Großbritannien lassen die Prognosen für 2010 eine deutliche Verbesserung erkennen, für die Euro-Zone leider nicht. China zeigt eine beeindruckende Widerstandsfähigkeit, und auch die Stimmung in Indien verbessert sich.
Die Konsumenten sind verschwunden
Nun müssen wir diese guten Nachrichten in ihren Kontext einordnen. Das Schlimmste der Finanzkrise mag überstanden sein, aber das Finanzsystem bleibt unterkapitalisiert und belastet von problematischen Papieren in immer noch unbekannter Höhe. Es ist auch noch weit entfernt von einem wirklich "privaten" Finanzsystem. Im Gegenteil: Es wird direkt und indirekt massiv durch die Steuerzahler gestützt.
Auch der erwartete ökonomische "Aufschwung" wird sich nicht wie ein wirklicher Aufschwung anfühlen. Die jüngsten übereinstimmenden Prognosen für die Industrieländer liegen auch für 2010 deutlich unter dem Potenzialwachstum. Zugleich gehen die Schätzungen von extremen Produktionslücken aus. So rechnet die OECD für die USA 2009 mit einer Produktionslücke von 4,9 Prozent des potenziellen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Für Großbritannien geht sie von 5,4 Prozent und für die Euro-Zone von 5,5 Prozent aus. Unter der Voraussetzung eines moderaten Wachstums werden die Überkapazitäten Ende 2010 höher sein als Ende 2009. Dass daraus eher ein Deflationsrisiko als ein Inflationsrisiko resultiert, ist offensichtlich.