Lionel Barber ist Chefredakteur der Financial Times.
Wirtschaftsjournalisten durchleben gerade die besten und zugleich schlimmsten aller Zeiten. Die besten, weil wir die einmalige Gelegenheit haben, über die schwerste Finanzkrise seit dem Börsencrash 1929 zu berichten und sie zu analysieren. Die schlimmsten, weil Zeitungs- und Fernsehbranche leiden. Sie müssen nicht nur mit dem Rezessionsschock fertig werden, sondern auch mit dem Strukturschock durch die Internetrevolution.
Und nun auch noch ein dritter Schock: Den Wirtschaftsmedien wird vorgeworfen, die weltweite Finanzkrise verpasst zu haben. Sie seien am Steuer eingeschlafen, lebten im Wolkenkuckucksheim. Jedes erdenkliche Klischee wurde bemüht bei der Schelte gegen Reporter, Kommentatoren - und auch Chefredakteure. Gerade sie hätten doch die arglose Öffentlichkeit vor der nahenden Katastrophe warnen müssen. Sind diese Vorwürfe gerechtfertigt? Oder, frei nach der Frage aller Fragen im Watergate-Prozess: Was wusste die Presse, und wann wusste sie es?
Um die Anschuldigungen etwas abzumildern: Journalisten waren nicht die Einzigen, die ihrer Aufgabe nicht gerecht wurden. Ranghohe Politiker ließen auf der Kreditparty gern die Korken knallen. Keine der Aufsichtsbehörden in den USA und Europa hat die Risiken im System erkannt und sie eingedämmt. Viele Volkswirte lagen daneben.
Her mit den guten Nachrichten
Warum haben Wirtschaftsjournalisten diesen Warnungen nicht mehr Beachtung geschenkt? Zunächst, weil die Finanzkrise als höchst technische Angelegenheit begann, die erst nach Monaten auf die breite Masse übergriff. Ihr Ausgangspunkt waren die Kreditmärkte, aber die Berichterstattung darüber galt in vielen Redaktionen als nachrangig. Kaum ein Journalist, der in dieses Schattenbankensystem Einblick hatte, stieß bei seinen Vorgesetzten auf Interesse dafür. Die Vorgesetzten kontrollierten den vorhandenen Platz und wollten dort lieber gute Nachrichten über steigende Immobilienpreise und Wirtschaftswachstum veröffentlichen.
Ein zweites Problem der Kreditderivategeschichte war, dass sie sich auf einem außerbörslichen Markt abspielte, auf dem wenig offengelegt und noch weniger an tagesaktuellen Nachrichten produziert wurde. Die Versuchung bestand und besteht darin, Geschichten zu drucken, die weniger undurchsichtig sind, beispielsweise über die Geschäftszahlen einer Aktiengesellschaft. Doch die großen Innovationen und das große Geld brachten die Kreditmärkte hervor.