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Merken   Drucken   29.04.2008, 08:00 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Die Fleischlüge  

An massiv steigenden Lebensmittelpreisen und Hungerrevolten sind nicht die Chinesen schuld. Viel mehr haben die Industrieländer für falsche Anreize gesorgt - und müssen jetzt ihre Politik korrigieren. von Ruth Fend
Ob amerikanische Supermärkte Reis rationieren oder ein hungernder Mob in Haiti die Regierung stürzt: Schuld ist nach gängiger Meinung immer die steigende Nahrungsmittelnachfrage aus China. In kaum einer politischen Rede, in kaum einem Medienbericht zur Ernährungskrise fehlt der Hinweis auf den neuen Appetit der Chinesen auf Fleisch und Milch, auf die Unmengen an Getreide und Wasser, die dafür verbraucht werden.
Doch ein Blick in die Handelsbilanz zeigt: Nicht die Chinesen haben uns die Teller leer gegessen. Im vergangenen Jahr produzierten sie mehr Reis, als sie verzehrten, sie führten mehr Fleisch aus als ein. Eine Tonne Reis kostete in Nordostchina einer chinesischen Zeitung zufolge vergangene Woche 240 bis 260 Euro - auf dem Weltmarkt dagegen 760 $.
Den Fleisch essenden Chinesen zum Sündenbock für Hungerrevolten zu machen ist aber nicht nur sachlich falsch. Der Blick nach Fernost lenkt auch ab vom eigentlichen Problem, den verzerrten Preisen. Diese sind das Ergebnis verfehlter westlicher Handels-, Agrar- und Entwicklungspolitik auf der einen und von Exportverboten in Entwicklungsländern auf der anderen Seite.
Die Vorräte schwinden
Für die Bauern lohnte es sich schlicht nicht mehr, Nahrungsmittel anzubauen. Erstens haben Subventionen die Landwirte in die Produktion von Energiepflanzen für die Biospritherstellung gelockt. Zweitens wurden sie in Entwicklungsländern massenweise aus dem Markt gedrängt. Das rächt sich jetzt: Hätten die globalen Vorräte im Jahr 2000 noch ausgereicht, die Welt 216 Tage zu ernähren, so sind es jetzt nur noch 53 Tage. Punktuelle Schocks wie Ernteausfälle in Australien führen so zu dramatischen Preisausschlägen.
Nehmen wir die Bauern im Süden: Etliche flüchteten in die Städte, weil sie nicht mehr mit Billigimporten aus den Industriestaaten mithalten konnten. Massiv subventionierter US-Mais etwa ließ zwischen 1994 und 2003 den Maispreis in Mexiko um mehr als 70 Prozent einbrechen. Umgekehrt versperren ihnen Einfuhrzölle immer noch den Zugang zu westlichen Märkten. Schätzungen der Weltbank zufolge kostet der Protektionismus im Norden die Länder im Süden 100 Mrd. $.
Zugleich wurden Investitionen in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern gekappt. Statt in den Agrarsektor steckten Regierungen und Geber ihr Geld in Exportindustrien und städtische Entwicklungsprojekte. Sie strichen Kleinbauern die Kleinkredite und Subventionen für Dünger und Saatgut, sie fuhren Agrarforschung und Bewässerungsprojekte zurück - so verwandelten sich Selbstversorger wie die Philippinen in Reisimporteure. Angespornt oder gedrängt wurden sie dabei von der Weltbank und dem Internationalem Währungsfonds. Nur vier Prozent der Entwicklungshilfe flossen einem Weltbankbericht zufolge 2007 in den ländlichen Raum, wo jedoch zwei Drittel der Armen leben. Staudämme oder ein Metrosystem in Metropolen zu finanzieren ist rentabler, als Bauern in weit verstreuten Dörfern zu helfen.
In Zeiten steigender Nahrungsmittelpreise könnte es für Bauern endlich aufwärtsgehen - eigentlich. Aber die hohen Preise kommen vielerorts nicht bei ihnen an: Viele Kleinbauern produzieren nur noch für den Eigenbedarf. Bei denen, die verkaufen, streichen Zwischenhändler einen Großteil der Margen ein. Und in Ländern wie Indien und Vietnam ersticken Exportverbote das Preissignal. Diese mögen zwar kurzfristig die Not der Konsumenten lindern. Langfristig verhindern sie aber, dass mehr Essen produziert wird.
Die gute Nachricht lautet: Gegen verzerrte Preise lässt sich etwas tun - anders als gegen den zunehmenden Fleischkonsum in China. Doch dafür müssen die Regierungen die Fehler der Vergangenheit korrigieren.
  • FTD.de, 29.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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