Viele Freunde hat sich Ulrich Montgomery mit seiner Forderung nach 30 Prozent mehr Gehalt für die Klinikärzte nicht gemacht. Gewerkschafter, SPD-Politiker und verunsicherte Patienten hacken auf dem Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund herum. Müssen möglicherweise wochenlange Streiks an Unikliniken wirklich sein? Ja. Denn sie liegen im Interesse der Ärzte, Patienten und letztlich auch des Gesundheitssystems.
So unpopulär die Erkenntnis sein mag: Montgomery hat es nicht nur geschafft, seiner Mini-Klientel - der Marburger Bund vertritt in diesem Tarifstreit 22.000 Ärzte, während es im öffentlichen Dienst um 1,4 Millionen Beschäftigte geht - jede Menge Aufmerksamkeit zu sichern. Die Forderungen der Klinikärzte werden über die engen Zirkel der Gesundheitspolitik hinaus diskutiert, gerade weil sie auf den ersten Blick so absurd scheinen.
30 Prozent mehr Gehalt, das wirkt empörend in einer Volkswirtschaft, für die eine Zwei vor dem Komma beim Wirtschaftswachstum eine mittlere Sensation wäre. Es wirkt empörend auf Landesfinanzminister, die vor lauter Haushaltslöchern nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Und es wirkt empörend auf Krankenversicherte, die trotz hoher Zuzahlungen immer noch auf die versprochenen Beitragssenkungen ihrer Krankenkassen warten.
Ärztemangel droht
Die Ärzte und ihre Funktionäre wissen das, doch sie haben einen Vorteil: Sie sind noch empörter. Vor allem im Mittelbau der Klinikärzte zeigt die Unzufriedenheit Folgen. Viele Assistenzärzte hadern mit ihrer Berufswahl, sind zerrissen zwischen dem eigenen Anspruch, Menschen zu helfen, und einem gnadenlosen Klinikalltag, und immer mehr suchen ihr Heil im Ausland. Einen Klinikärztemangel aber kann sich das System zu allen anderen Problemen hinzu wahrlich nicht leisten.
Die Proteste der letzten Monate haben die ganze Misere offenbart: In vielen Kliniken gehören überlange Schichten für Assistenzärzte zum Alltag, trotz der Erkenntnis, dass ein Mensch nach 24 Stunden Wachzeit ungefähr so zurechnungsfähig ist wie ein Betrunkener mit einem Promille Alkohol im Blut. Immer noch leisten die Ärzte unbezahlte Überstunden im Dutzend pro Monat, während zunehmend der Anreiz schwindet, sich mit der ganzen Plackerei eines Tages zum Chefarzt hocharbeiten zu können.
Da fragt man sich vor allem, warum die Ärzte nicht schon viel früher gestreikt haben. Lässt man den Funktionär Montgomery an den Rechenschieber, sind die 30 Prozent schnell beisammen: Viele Unikliniken strichen in den letzten Jahren das Urlaubsgeld, kürzten das Weihnachtsgeld und erhöhten die Arbeitszeit. Eine zwar verständliche, aber kurzsichtige Reaktion.
Vernünftigeres System nötig
Das Fass zum Überlaufen brachte dann ein neuer Tarifvertrag, den die Gewerkschaft Verdi für den öffentlichen Dienst schloss und der einen Teil der Ärzte nach Angaben des Marburger Bundes schlechter gestellt hätte. Daraufhin kündigte der Marburger Bund die Zusammenarbeit mit Verdi und nahm die Tarifverhandlungen für seine Mitglieder selbst in die Hand.
Montgomery gibt zu, dass die 30 Prozent eine Maximalforderung sind, die vor allem Aufmerksamkeit erregen soll. In den Verhandlungen geht es denn auch nicht um eine einzige Zahl. Es geht um eine komplexe Mixtur aus Arbeitszeitregelungen, Überstundenzuschlägen, Einstiegs-, Grund- und Aufstiegsgehältern. So fordern die Ärzte beispielsweise einen arztspezifischen Tarifvertrag, Arbeitszeitregelungen, um überlange Schichten zu vermeiden, die Bezahlung von Überstunden und die Abschaffung der berüchtigten Kurzzeitverträge mit sechs oder neun Monaten Laufzeit.
Dass die Arbeitgeber in den Bundesländern sich auf allen diesen Gebieten nur sehr langsam bewegen, hat vor allem finanzpolitische Gründe: Die Länder haben kein Geld. Doch das ändert nichts daran, dass die Forderungen einen sehr berechtigten Kern haben.