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Merken   Drucken   24.08.2006, 11:20 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Eine Tür in der Festung

Wer die illegale Immigration nach Europa stoppen will, muss legale Zuwanderungsmöglichkeiten schaffen. Das würde sich für die EU sogar noch auszahlen.
von Karin Finkenzeller

Als Spanien voriges Jahr rund 700.000 seit Jahren im Land lebende und (schwarz-) arbeitende illegale Einwanderer legalisierte, kritisierten EU-Partner wie Deutschland den Schritt als eigenmächtig.

Dass Spanien in der Folge seine afrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla mit zusätzlichen Stacheldrahtzäunen abschottete, die Bewachung seiner Küsten noch einmal verschärfte, die marokkanische Polizei schulte, dasselbe zu tun, und mit mehreren Ländern der Subsahara über Rückführungen und Hilfsmaßnahmen verhandelte, passt jetzt den Italienern nicht. Die Regierung in Rom beschwerte sich, wenngleich hinter vorgehaltener Hand, dies führe dazu, dass mehr Illegale den Weg an Italiens Küsten suchten.

Nichts von alldem ist richtig, weil nichts die unerwünschten Einwanderer aufhalten kann, sich einen Weg nach Europa zu bahnen. Koste es, was es wolle, und sei es, wie so häufig, das eigene Leben.

Die vermutlich einzige Möglichkeit, den Zustrom wenigstens zu kontrollieren, bestünde darin, in die Festung Europa ein Tor einzulassen. Wenn Afrikaner, und um sie geht der Streit gerade in der Hauptsache, legal nach Europa gelangen könnten, wäre das schmutzige Geschäft der Schleuserbanden die längste Zeit einträglich gewesen. Dies zu erlauben ist angesichts der jährlich mehreren tausend Toten in Atlantik und Mittelmeer nicht nur eine moralische Pflicht der EU. Es würde sich für sie sogar noch auszahlen.

Wohlstand durch Zuwanderung

Eine jüngst vom Lehrstuhl für angewandte Wirtschaftswissenschaften der Universidad Autónoma von Barcelona veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das spanische Pro-Kopf-Einkommen ohne die Integration von 1,4 Millionen Frauen plus 3,3 Millionen ausländische Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zwischen 1995 und 2005 nicht um jährlich im Durchschnitt 2,6 Prozent gewachsen wäre. Vielmehr wäre es um 1,1 Prozent jährlich gesunken. Allein durch den Verzicht auf 2,4 Millionen legal in Spanien arbeitende Ausländer hätte sich demnach das Pro-Kopf-Einkommen jährlich um 0,6 Prozent reduziert.

Die Wissenschaftler räumen ein, dass sich die Arbeit ohne den Zuwanderungseffekt womöglich verteuert hätte und damit viele Arbeitsplätze für niedrig qualifizierte Beschäftigte heute gar nicht mehr existieren würden. Aber die Spanier mögen es nun einmal, dass ihnen jemand an der Supermarktkasse den Einkauf in die Plastiktüten packt oder auf der Baustelle die Steine schleppt und in den Obst- und Gemüseplantagen die dann auch nach Deutschland exportierten Erdbeeren, Tomaten und Salatköpfe pflückt.

Genauso, wie viele alte und pflegebedürftige Menschen es schätzen, dass sie den ganzen Tag über eine freundliche Hilfe für wenig Geld durch den Park führt, ihnen vorliest, kocht, putzt und wäscht. Und so mache Ehefrau eines nach Spanien versetzen Managers aus anderen EU-Ländern mag gar nicht an die Rückkehr nach Hause denken, wo sie nicht für 600 Euro im Monat praktisch rund um die Uhr eine Haushaltshilfe hat.Natürlich ist der Bedarf an Arbeitskräften in Europa von Land zu Land verschieden. Bei dem im Juli mit viel Geld - auch aus der EU - veranstalteten Einwanderungsgipfel im marokkanischen Rabat haben die Länder der Subsahara deshalb darum gebeten, dass die Europäer diese Bedarfe einmal formulieren und entsprechende Kontingente ausschreiben sollten. Die Antwort war Schweigen.

Bezeichnend war schon, dass etwa Deutschland bei dem Ministergipfel nur mit einem Staatssekretär vertreten war. Europastaatssekretär Günter Gloser mag auf dem Gebiet noch so ausgewiesen sein. Die symbolische Botschaft kam dennoch an: "Die Deutschen interessieren die Einwanderer aus Afrika überhaupt nicht, weil die in den meisten Fällen nicht nach Deutschland gelangen", räumten diplomatische Kreise dann auch ein.

Außerdem könne sich Deutschland gar nicht für legale Zuwanderung aus Afrika aussprechen, solange man polnischen EU-Angehörigen die Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt verwehre. Die Entscheidung, Zuwanderung in die EU verstärkt zu legalisieren, müsste aber einstimmig fallen.

Dabei hat die vielfach gepflegte Schreckensvorstellung, dass Hunderttausende Schwarzafrikaner gen Europa ziehen und dort weitere "Parallelgesellschaften" mit den bekannten sozialen Folgen bilden, mit der Realität vermutlich wenig gemein.

In vielen afrikanischen Ländern gehört es zum guten Ton, dass ein junger Mann vor der Gründung einer eigenen Familie ins Ausland zieht. Vorher kann er oft gar nicht heiraten. Vergleichbar ist diese Tradition mit der Walz, die Handwerker in Deutschland noch bis vor wenigen Jahren auf sich nehmen mussten.

Praktische Entwicklungshilfe

Aus afrikanischer Sicht muss dieses "Ausland" nicht zwangsläufig Europa sein. Aber wer es dorthin schafft, ist hoch angesehen. Außerdem kann ein junger Mensch dort in zwei, drei Jahren so viel Geld verdienen, dass er sich in seinem Heimatland eine Existenz aufbauen und sogar weitere Arbeitsplätze schaffen kann. Erfolgreiche Beispiele solcher Rückkehrer gibt es zur Genüge. Das ist eine sehr praktische und effektive Form der Entwicklungshilfe. Sie funktioniert aber nur dann richtig, wenn die Einwanderer legal Arbeit finden und nicht jahrelang zuerst durch die Wüste wandern müssen und dann in Europa mangels Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis auf der Straße herumlungern.

Das Modell Gastarbeiter funktioniert nicht, werden jetzt viele mit Verweis auf die einst ebenfalls als befristet gedachte Anwerbung türkischer Arbeitskräfte rufen. Und natürlich gibt es keine Garantie. Vorsichtshalber hat die Region Madrid deshalb schon ein eigenes Integrationsministerium gegründet.

Aber was ist die Alternative zu Arbeitserlaubnissen auf Zeit?

Dass Illegale weiterhin ungeachtet aller Überwachungsmaßnahmen nach Europa drängen und viele von ihnen wie am vorigen Wochenende vor Italien und demnächst wieder vor Spanien tot aus dem Wasser gezogen werden. Das kann ernsthaft niemand wollen.

  • Aus der FTD vom 24.08.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland
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