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Merken   Drucken   29.07.2009, 10:28 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Es gibt keinen Oma-Faktor  

Ob Rente mit 67, 69 oder 99: Bei der nächsten Prognose sollten wir gelassen bleiben. Denn es geht nicht um Alt gegen Jung. Sondern um nüchterne, bisweilen überflüssige Prognosen. von Horst von Buttlar
Jeder, der etwas Mathe und denken kann, sollte zwei Dinge vermeiden: das Renteneintrittsalter oder Hartz-IV-Sätze berechnen. Beides wird immer wieder gern getan: Da kommt dann ein Professor oder ein Haudrauf wie Thilo Sarrazin und verkündet, man könne auch von 145, 267 oder 2,50 Euro im Monat leben. Die Aufregung ist immer groß, und Sozialverbände, die Linkspartei und Ursula Engelen-Kefer schimpfen über die Kaltschnäuzigkeit und Herzenskälte.
Ebenso ist es bei der Rente: Zuletzt war es die Bundesbank, die, offenbar in der Krise nicht ganz ausgelastet, noch einmal nachrechnete. Bis zum Jahr 2060, so ihr Ergebnis, müssten wir bis 69 arbeiten. Auch da waren die Reaktionen abzusehen: "Der dümmste Vorschlag der letzten Jahre!" "Raubbau an der Gesellschaft!" Oft toben im Übrigen Herren und Frauen eines Alters, die alles erleben werden, nur nicht die Rente mit 69.
Dann folgte das Übliche: Hier würden Alt und Jung gegeneinander ausgespielt, so die Klage, der Generationenvertrag infrage gestellt.Und überhaupt, die Alten hätten doch Deutschland aufgebaut und nichts nach dem Krieg gehabt - gar nichts!, - und außerdem gebe es viele Omas, die ihren Enkeln gerne auch mal 50 Euro zustecken.
Kalkulation mit Forderung verwechselt
Die Bundesbank hatte bereits 2008 einen Anstieg auf 68,5 Jahre prognostiziert und damit ebenfalls eine Diskussion ausgelöst. Und sollte sie im Herbst einen Anstieg auf 70 oder auch 99 Jahre bis zum Jahr 2100 empfehlen, sollten wir einfach mal gelassen bleiben. Und wir sollten aufhören, immer Dinge zu vermengen, die nicht zusammengehören.
Zunächst: Viele verwechseln eine Kalkulation mit einer Forderung. Die Bundesbank hat keinen Herzenswunsch geäußert, sondern ein paar Zahlen genommen und ist zu einer Wenn-dann-Aussage gelangt. Demografie ist eine relativ exakte Wissenschaft. Wir wissen genau, wie viele Menschen heute geboren sind und - sollte uns keine Seuche heimsuchen und Deutschland keinen Krieg anzetteln - künftig leben und arbeiten werden. Außerdem haben wir Erfahrungswerte und Prognosen für Wachstum, Lebenserwartung und so weiter, kurzum: Daten gibt es jede Menge.
Jeder Politiker, der Rentenpolitik macht, hat ein paar Stellschrauben, die so übersichtlich sind wie die Antworten einer Quizshow. Dazu zählen: 1. Beitragssatz, 2. Steuerzuschuss, 3. Rentenniveau, 4. Einstrittsalter. Und jeder Politiker, ob von CDU oder Linkspartei, muss entscheiden: Erhöht sich die Menge der Rentner gegenüber den Beitragszahlern (was wahrscheinlich ist), muss er an eine der Stellschrauben ran (es sei denn, er ist gerade in der Opposition, dann darf er schimpfen).
  • Aus der FTD vom 29.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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