In Europa ist ein seltsamer Wettstreit im Gang, der sich ungefähr folgendermaßen zusammenfassen lässt: Wer hat der Freiheit im ehemals sozialistischen Teil des Kontinents die Tür geöffnet?
Polens Regierung lädt heute nach Krakau, um im großen Rahmen den 20. Jahrestag der ersten demokratischen Wahl im früheren Ostblock zu begehen. Der Rückblick ist von der Furcht geprägt, die Erinnerung an 1989 könnte vom Gedenken an den Fall der Berliner Mauer dominiert werden - den man in Warschau nur als Folge des polnischen Umbruchs betrachtet.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wiederum tourt durch Tschechien und Ungarn, um beiden Ländern dafür zu danken, dass sie ausreisewilligen DDR-Bürgern vor 20 Jahren keine Steine in den Weg legten. Der angenehme Nebeneffekt: Auch die bundesdeutsche Diplomatie von damals erscheint noch einmal in warmem Licht.
Wie immer allerdings betrifft der Streit um die Geschichte nicht nur die Vergangenheit. Wer 1989 für sich verbuchen kann, so sieht man dies zumindest in Warschau, dessen Autorität wird auch in aktuellen Konflikten gestärkt. Dabei spielt die Frage eine Rolle, ob es der konfrontative Ansatz im Stil der Bürgerrechtsbewegung Solidarnosc war, der das System zum Einsturz brachte - oder die vorsichtige Annäherung westlicher Regierungen an die sozialistischen Machthaber.
Ernüchternde Wahrheit
Für viele liegt in der Antwort auf diese Frage auch der Schlüssel für den Umgang mit amtierenden autokratischen Regimen. Die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit Russland und China steht in Prag oder Warschau auch deshalb unter Generalverdacht, weil man glaubt, ein altes Muster wiederzuerkennen: zu viel Vertrauen für Funktionäre, zu wenig Unterstützung für Dissidenten.
Wer das Wendejahr 1989 nüchtern betrachtet und die Romantik der Revolution beiseitelässt, der wird schnell merken, dass die Wahrheit etwas Enttäuschendes hat. Der Widerstand aufrechter Demokraten in Osteuropa ist vermutlich ebenso ein zersetzender Faktor gewesen wie die Ostpolitik der Bundesregierung in den 70er-Jahren. Der entscheidende Grund aber, warum die sozialistischen Regime vor 20 Jahren innerhalb weniger Monate zusammenbrachen, lag in ihrer ungeheuren ökonomischen Schwäche.
Polen, Rumänien und die DDR litten unter astronomischen Auslandsschulden. Aber auch die Regierungen Ungarns und der Tschechoslowakei waren nicht mehr in der Lage, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Gerade durch ihre Wirtschaftspolitik hatten sich die Staatsparteien jeder Legitimation beraubt. Osteuropa konnte sich den Sozialismus einfach nicht mehr leisten.