Ob es moralisch angemessen ist, die Bank auf Gehaltszahlungen zu verklagen, auf deren Chefsessel man auf dem steilen Weg nach unten gesessen hat, ist eine Sache. Die Schwarz-Weiß-Zeichungen in der öffentlichen Diskussion jedoch - hier die raffgierigen Banker, die der Welt die Rezession eingebrockt haben, dort die armen Arbeitnehmer, die deshalb ihren Job verlieren - sind dennoch ein Zerrbild. Das gilt auch für jene Banker der Commerzbank, die nun ihre Bonuszahlungen sehen wollen, die man ihnen im vergangenen Sommer mündlich oder schriftlich zugesichert hat.
Erstens, weil wir noch immer in einem Rechtsstaat leben. Pacta sunt servanda - Verträge sind einzuhalten. Diese Maxime muss auch für Banker gelten - und zwar mindestens so lange, bis ein Gericht zu dem Schluss kommt, dass ein berufliches Versagen eine Kündigung samt Streichung der Bezüge rechtfertigt.
Zweitens, weil es eine vollkommen natürliche Reaktion ist, sich gegen eine Kündigung verbunden mit einer öffentlichen Bloßstellung rechtlich mit Klauen und Zähnen zu wehren. Alles andere würde schließlich auch als Schuldeingeständnis gewertet.
Drittens, weil es zwar eine verständliche und leichte, aber unangemessene Konklusion ist, die Krise an einigen wenigen Personen wie Funke oder den Investmentbankern von Dresdner Kleinwort festzumachen, die perfekt in das Bild der skrupellosen Finanzhaie passen.
Wenn eine Bank in eine Schieflage gerät, haben schließlich nicht nur Vorstandsvorsitzende versagt, sondern auch Vorstandskollegen, Aufsichtsräte, bisweilen sogar Landespolitiker und natürlich die Risikomanagementexperten. Deren Bezüge sind derzeit nur selten Gegenstand der Debatte - sehr wohl allerdings die Kündigung einer Kassiererin, die Pfandbons über 1,30 Euro unterschlagen hat und verglichen mit den bösen Buben in den Bankentürmen herrlich das andere Ende auf der Moralskala besetzt.
Außerdem lenkt die Debatte um gierige Banker, die auf Boni und Gehaltszahlungen klagen, vom eigentlichen Problem des Finanzsystems in den letzten Jahren ab: Für Banker bestand häufig ein großer Anreiz, hohe Risiken einzugehen, weil sie sich über Gehälter und Boni meist einen Teil ihrer Gewinne einstecken durften. An den Verlusten waren sie jedoch gar nicht oder maximal mit dem Risiko eines Jobverlusts beteiligt. Für dieses ungleiche Anreizsystem muss die Weltwirtschaft bitter büßen.
Dafür nun rhetorisch und moralisch auf die Pleite-Banker einzudreschen, die ihre Arbeitgeber verklagen - was vielleicht nicht moralisch, aber noch immer juristisch ihr gutes Recht ist - verschafft vielen kurzfristig Linderung ihrer Wut. Ob diejenigen, die nun die Steine werfen aber in der Situation als "Pleite-Banker" freiwillig auf Millionen verzichten würden, die ihnen einst vertraglich zugesagt wurden, ist mehr als fraglich.
Ex-HRE-Chef Funke hat sich entschieden, sein Gehalt einzuklagen. Juristisch ist das einwandfrei. Und selbst wenn das Gericht die ihm ausgesprochene fristlose Kündigung vom Dezember für rechtens hält, wird er künftig noch ein bis zweimal am Tag warm essen können. Statt daraus aber eine öffentliche Hetzjagd zu machen, sollten sich Bürger, die mit Steuergeldern die marode HRE stützen, damit trösten, dass Funke auch künftig jeden Morgen beim Zähneputzen in den Spiegel schauen muss. Was ihm dabei durch den Kopf geht, weiß nur er alleine.