Am Mittwoch geht es offiziell mit Schwarz-Grün in Hamburg los. Mein Gefühl? Endlich!
Lassen Sie mich's erklären: Wie viele meiner Altersgenossen glaube ich, dass mit Schwarz-Grün unser Lebensgefühl in der Politik ankommt: Wir sind ein bisschen konservativ, ein bisschen idealistisch, sehr pragmatisch. Und um manche schwierige Entscheidung (soll das Kraftwerk Moorburg nun gebaut werden, ja oder nein?) drücken wir uns herum. So sind viele, die heute Mitte 30 sind. Und so wie wir ist auch diese Koalition.
Wir wollen nichts verpassen, wie Matthias Kalle jüngst in einem klugen Artikel im Zeit-Magazin "Leben" über die Generation der 30-Jährigen schrieb. Oder anders gesagt: Wir wollen alles. Denn damals in den 90er-Jahren, als wir richtig jung waren, schien ja auch alles möglich. Die Mauer war weg, es gab keine Feinde mehr, die New Economy begann zu boomen. Wir gingen feiern, trafen uns auf der Love Parade, und unsere Eltern erzählten uns, wir seien die Besten.
Was wir ihnen gern glaubten. Denn konservativ, wie wir sind, brachen wir nicht mit unseren Eltern. Wir machten brav unser Abi, begannen zu studieren. Nur was, das war uns - anders als unseren Eltern - egal. Hauptsache, es machte Spaß. Zur Not wechselte man das Fach nach zwei Jahren eben wieder.
Nervende Zeigefinger
Idealistisch und weltoffen reisten wir durch das vereinigte Europa. Wir waren für Nachhaltigkeit und gegen Neonazis, lasen "No Logo" von Naomi Klein und protestierten in Genua gegen G8 und soziale Ungerechtigkeit. Wir glaubten, dass eine bessere Welt möglich ist. Und eine umweltfreundlichere.
Manchmal protestierten wir sogar in Markenklamotten. Wir sind nämlich längst nicht so konsequent wie die Alt-68er, deren erhobene Zeigefinger nerven. Wir wollten eigentlich alles: eine gute Ausbildung, ein gutes Leben und Gutes tun. Als pragmatische Idealisten basteln wir uns aus dem großen Lego-Kasten des Lebens unsere kleine Welt. Mal nehmen wir die schwarzen, mal die grünen, mal die gelben und mal die roten Steine. (letztere allerdings seit Kurt Beck seltener).
Ehrlich gesagt: Wir sind eine Generation des radikalen Sowohl-als-auch geworden. Wir reisen mit dem Flieger und spenden für die Wasserkraft in Ecuador, um uns vom CO2-Ausstoß freizukaufen. Wir kaufen im Discounter und danach im Biosupermarkt Äpfel aus ökologischem Anbau.
Wir bejahen den Markt und beäugen ihn kritisch. Klar, wir wollen Geld verdienen - aber die emotionale Rendite im Job ist genauso wichtig. Wieso schließt es sich aus, für die Umwelt zu sein und zugleich für einen Großkonzern zu arbeiten? Matthias Berninger, 37, ehemals Grünen-Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium hat es vorgemacht: Seit 2007 arbeitet er als Lobbyist beim Süßwarenhersteller Mars in Brüssel. Bei seinem Wechsel sagte er, er übernehme die Aufgabe nicht obwohl, sondern weil er Grüner sei. Ich finde das nachvollziehbar.