Ein Blick über die Grenze eignet sich vielleicht, den Horizont von Kurt Viermetz und
Georg Funke , der eine Aufsichtsrats-, der andere Vorstandsvorsitzender der fast zusammengebrochenen
Hypo Real Estate (HRE), zu erweitern. Dort, im nicht allzu fernen Brüssel, traten am Dienstag deren Pendants bei der Dexia-Gruppe zurück. Pierre Richard und Axel Miller zogen die Konsequenzen daraus, dass Belgien, Frankreich und Luxemburg die von ihnen geführte Bank mit einer Kapitalspritze von 6,4 Mrd. Euro über Wasser halten mussten.
Unabhängig von der Frage, ob und in welchem Maß Richard und Miller für die Schieflage der Dexia direkt verantwortlich gemacht werden können, war ihr Rücktritt richtig und notwendig. Man kann nicht eine Riesenbank mit 36.500 Beschäftigten in 39 Ländern an den Tropf des Staates hängen und anschließend weitermachen, als wäre nichts gewesen.
Kann man nicht? Offenbar kann man doch. Viermetz und Funke hielten ihren Rücktritt nicht für nötig, nachdem die Illiquidität der irischen Tochtergesellschaft Depfa den ganzen Konzern in den Bankrott zu ziehen drohte. Bei der HRE war es nicht mit 6,4, Mrd. Euro getan, sondern es mussten gleich 35 Mrd. Euro her, der mit Abstand größte Teil davon vom Staat garantiert.
Versagen des Geschäftsmodells
Das Pikante ist, dass HRE/Depfa und Dexia mehr teilen als nur eine Schieflage, was heute leider keine Exklusivität mehr beanspruchen kann. Depfa und Dexia sind Staatsfinanzierer. Beide verdienen ihr Geld damit, dass sie Staaten und staatsnahen Einrichtungen Kredite geben. Beide sind damit der branchentypischen Versuchung ausgesetzt, in dem margenschwachen Geschäft mit Zinsspekulationen Erträge zu schinden. Langfristige Ausleihungen werden dabei mit kurzfristigen Transaktionen am Geldmarkt refinanziert, um die jeweiligen Zinsdifferenzen auszunutzen. Das geht so lange gut, wie die kurzfristigen Zinsen niedriger sind als die langfristigen und die Geldmärkte liquide sind, also die kurzfristigen Schuldtitel der Staatsfinanzierer aufnehmen. Können Banken dieses Typs, wie im Moment, keine Geldmarktpapiere mehr bei anderen Marktteilnehmern unterbringen, werden sie zahlungsunfähig und brechen zusammen.
Ein Vorstandsvorsitzender sollte für das Versagen dieses Geschäftsmodells geradestehen. Entweder indem er von sich aus geht oder indem er von seinem Aufsichtsrat zur Rechenschaft gezogen wird. Beides scheint bei der HRE nicht zu funktionieren. Im Gegenteil, es scheint geradezu Euphorie darüber zu herrschen, dass man es hingekriegt hat, dem Teufel noch mal von der Schippe zu hüpfen. So bezeichnete Funke am Montag das eben geflossene Staatsgeld als einen "weitreichenden und innovativen Ansatz".