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Merken   Drucken   24.09.2008, 14:04 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Ifo - keine Zeit fürs Schönreden  

Vor ein paar Wochen galt die Warnung vor Rezessionsgefahren noch als böse Miesmacherei. Die Ergebnisse der Ifo-Konjunkturumfrage beweisen das Gegenteil: Minister und Währungshüter haben die Lage viel zu lange und unverantwortlich schöngeredet. von Thomas Fricke
Der Absturz der Ifo-Geschäftsklimawerte hat ein Tempo erreicht, das atemberaubender ist als nach dem Platzen der New-Economy-Blase - als Deutschland in eine Dauerflaute rauschte, die vier bittere Jahre anhielt. Und das Bedenkliche ist, dass der Pessimismus der Unternehmen auch durch den zwischenzeitlichen Fall von Ölpreisen und überteuerten Euro-Kursen kaum gebremst worden ist.
Das Bedenkliche ist auch, dass der Abwärtstrend schon da war, bevor sich die Finanzkrise vergangene Woche so dramatisch zuspitzte. Das Ifo-Institut sammelte 60 Prozent der Antworten schon vor der Lehman-Pleite. Was zum einen bedeutet, dass mögliche realwirtschaftliche Folgen des Debakels, wie etwa ein erneuter Dollar-Absturz oder höhere Zinsen, in den Einschätzungen der Firmen zu den eigenen Geschäftserwartungen noch gar nicht berücksichtigt sind. Es lässt zum zweiten vermuten, dass Deutschland von einer eigenen Abschwungdynamik erfasst scheint, die nur bedingt mit der Wall Street zu tun hat, was umgekehrt auch bedeutet, dass es der deutschen Wirtschaft wenig helfen würde, wenn es den Amerikaner gelingt, die akute Vertrauenskrise an den Finanzmärkten schon bald zu stoppen.
Die Europäer haben schon auf die erste Welle der Finanzkrise und die Turbulenzen an Öl- und Devisenmärkten fahrlässig reagiert: indem die Notenbank ihre Zinsen noch anhob und darauf verzichtete, der Euro-Aufwertung etwas entgegen zu setzen, während die EU-Finanzminister es nicht für nötig erklärten, die Konjunktur nach dem Ölpreisschock zu stützen. In Deutschland gab es im Gegenteil Anfang 2008 sogar eine Unternehmensteuerreform, die de facto die Konjunktur gebremst hat - weil die Abschaffung der degressiven Abschreibungen, die als Gegenfinanzierung diente, zu einem regelrechten Einbruch der jahrelang boomenden Investitionen geführt hat. Hier, im Hausgemachten, liegen die wichtigsten Ursachen des rasanten deutschen Abschwungs.
Bis kürzlich gab es noch die Resthoffnung, dass sich der Abschwung vielleicht doch noch als halb so wild erweisen wird - weil der Ölpreis rapide sinke und auch der Euro wieder billiger werde. Gewagt: Seit sich die Finanzkrise zugespitzt hat, kursieren neue Ängste vor einem Dollarabsturz, hat sich der Euro wieder stark verteuert, und sind die Ölpreise wieder über 100 $ gestiegen. Keine Zeit für Schönredner.
  • FTD.de, 24.09.2008
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