Langsam sickert es durch. Man hört diese ganzen wunderbaren Geschichten, von Monaten ungeahnter Freiheit, von Flucht mit der Familie, von Abenteuern. Von kleinen Ewigkeiten zu Hause, einer Auszeit im Ausland, in den USA, in Italien, sogar in Afrika, vom Ausklinken an schönen Orten mit Menschen, die einem am liebsten sind.
Geschichten sind das, die wir vor Jahren nie gewagt hätten zu träumen, geschweige denn sie zu erzählen. Und je mehr Väter sie erzählen - Väter, die plötzlich etwas sein konnten, was sie nie waren: nämlich nur Väter -, je mehr also diese neue Spezies die Geschichten von den Vätermonaten erzählt, desto mehr sickert es durch. Es wird Normalität, setzt sich in unseren Köpfen fest.
Knapp zwei Jahre nach dem Start des Elterngelds lautet die Frage nicht mehr: Warum? Sondern: Warum nicht? Über 100.000 Väter haben sich diese Frage gestellt, und das ist erst der Anfang. Wenn die Pioniere und Alphatiere, die Mitnehmer (ja, es ist relativ viel Geld), Ausprobierer und Vorbilder, die ohnehin für ihr Kind vorübergehend aus dem Beruf aussteigen wollten, zurückkehren, werden sie Nachahmer finden.
Der neue Abzweiger
In uns allen wird es nagen, brüten und brodeln, denn in unserem Leben, das so vorgezeichnet schien, ist plötzlich ein kleiner Abzweiger. Wir werden an unseren Schreibtischen sitzen, an dem wir seit Jahren fünf, sechs Tage die Woche und zehn Stunden am Tag hocken, und uns immer wieder fragen, was uns da Neues reizt, wieso es plötzlich eine Option gibt, die unser Koordinatensystem leise verschiebt. Bei vielen werden am Ende zwei Worte hängen bleiben: ICH AUCH.
Natürlich kann man böse sagen: Na toll, nun bekommen alle ein paar Monate Freizeit auf Staatskosten. Noch böser: Mit dem Elterngeld hat die Regierung nebenbei ein hoch subventioniertes Aussteigerprogramm für Besserverdiener geschaffen. Was soll man antworten? Ja, so ist es! Und es ist wunderbar!