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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   12.09.2008, 15:04 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Lehman-Drama: Peinlich für die Analysten

Die Probleme der Investmentbank werfen ein unvorteilhaftes Licht auf die Analystenzunft. Die meisten hochbezahlten Experten empfahlen die Aktie des Brokerhauses bis vor kurzem noch zum Kauf. Jetzt rücken sie vom Urteil ab - viel zu spät. von Matthias Pindter (Frankfurt)
"The trend is your friend" pflegt man an der Börse zu sagen. Damit will man zum Ausdruck bringen, dass man meist besser fährt, wenn man sich der Herde anschließt, als sich heldenhaft gegen den Strom zu stellen. Und zwar nicht nur als Anleger, sondern augenscheinlich auch als Analyst, insbesondere im Land der Finanzhochkultur, den USA. Also Aktien, die gut laufen weiter nach oben schreiben mit immer neuen Argumenten, und Aktien, die fallen, die schreibt man entsprechend nicht ganz, sondern ein bisschen runter. Etwa indem man das Kursziel nach unten anpasst, dem Kursverlauf also hinterher hechelt.
Beispiel Lehman Brothers . Noch Anfang der Woche empfahl rund die Hälfte der Analysten die Aktie zum Kauf, die andere immerhin noch zum Halten. Nachdem die Aktie sich dann noch mal halbiert hat, empfehlen heute noch zwei Häuser die Aktie zum Kauf, 15 raten zum Halten und kein einziger empfiehlt die Aktie zu verkaufen. UBS  etwa bleibt bei der Halten-Empfehlung, nimmt aber das Kursziel von 22 auf 8 $ herunter - wenig überraschend ist das etwa der Kursstand am Tag der Veröffentlichung der Studie. Wie kommt man auf diese 8 $? Indem man den geschätzten Buchwert mit dem Multiplikator 0,5 versieht. Hätte aber auch 0,8 oder 0,6 oder 0,47689 sein können, oder, wenn's wieder brummt gern auch 1,5 oder 1,8.
Kaufempfehlung - egal, was passiert
Morgan Stanley , bis dato ebenfalls ein Liebhaber der Lehman-Aktie, verweigert seit Donnerstag eine Aussage bezüglich Empfehlung und Kursziel. Bis dato lag dieses übrigens bei 31 $. Warum Morgan Stanley keine Meinung mehr haben will? Aufgrund der "Marktunsicherheiten". Stimmt. Die sind ja am Donnerstag auf einmal aufgetaucht.
Merrill Lynch  ist da noch am ehrlichsten. Die Bank hatte zuletzt eine Halten-Empfehlung mit einem Kursziel von 17 $. Am 11. September schreiben die Analysten, man habe keine Meinung mehr, da eine faire Bewertung aufgrund der Gefahr eines Zusammenbruchs unmöglich sei. Goldman Sachs  hingegen bleibt meinungsstark, nimmt nach den jüngsten Ereignissen aber Lehman von seiner Liste der Top-US-Kauf-Empfehlungen herunter, senkt das Kursziel von 22 auf 7 $ und stellt knallhart fest: Unsicherheiten bleiben bestehen. Aber die Aktie bleibt ein Kauf!
Banken sind eine Black Box
Da stellt sich unweigerlich die Frage: wie kann ein Analyst, eine ganze Analystenschar, Empfehlungen aussprechen und teilweise sogar an Kaufempfehlungen festhalten, wenn sie, wie sie mittlerweile selber feststellen müssen, eine Black Box vor sich haben?
Die Über-Nacht-Rettungsaktion von Freddie Mac  und Fannie Mae , deren Bilanzen noch einen Monat zuvor vom behördlichen Chefaufseher James Lockhardt als ausreichend kapitalisiert testiert wurden, hat erneut gezeigt, wie wenig aussagekräftig die publizierten Zahlen einer Bank dieser Tage sind. So gibt es auch eine große Diskrepanz zwischen den eigentlich passablen Bilanzrelationen aus Lehmans jüngsten Quartalsbericht und den geradezu hysterischen Versuchen der Bank, dennoch an frisches Geld heran zu kommen. So eine Firma kann man nicht ernsthaft zum Kauf empfehlen. Man hat einfach nicht die nötige Einsicht.
  • FTD.de, 12.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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