Martin Wolf ist FT-Kolumnist.
Sind die USA Russland? Diese provokante Frage hat Simon Johnson gestellt, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Professor an der Sloan School of Management. In der Zeitschrift "Atlantic Monthly" schreibt er, die "Finanzoligarchie" übe auf die US-Politik einen ähnlichen Einfluss aus wie Wirtschaftseliten in Schwellenländern. Hält ein derartiger Vergleich stand? Die Antwort lautet: Ja, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.
Das Ausmaß der Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA und ihr plötzliches Auftreten ähnele frappierend früheren Zuständen in den Schwellenländern, schreibt Johnson, darunter: enorme Kapitalzuflüsse, explosionsartiges Kreditwachstum, übermäßige Verschuldung, Blasen - speziell auf dem Immobilienmarkt - und der Preisverfall bei Vermögenswerten und eine Finanzkatastrophe.
Ungesunder Einfluss
Es gebe eine noch tiefer gehende und beunruhigendere Übereinstimmung, so Johnson: "Elitäre Interessengruppen wirkten entscheidend an der Entstehung der Krise mit. Mit der impliziten Unterstützung der Regierung gingen sie immer mehr Risiken ein, bis zum unvermeidlichen Zusammenbruch." Der Reichtum im Finanzsektor habe den Bankern zudem gewaltiges politisches Gewicht verliehen.
Jetzt verhindere dieser Einfluss eine Lösung der Krise. Die Banken "wollen nicht das volle Ausmaß ihrer Verluste eingestehen, weil sie dann vermutlich als zahlungsunfähig dastehen würden". Ungesunde Banken würden also entweder keine Kredite vergeben und das Geld horten oder waghalsige Risiken eingehen, die sich auszahlen oder auch nicht. In jedem Fall leide die Wirtschaft darunter, wodurch sich die Finanzlage der Banken weiter eintrübe - ein "äußerst zerstörerischer Kreislauf".
Ist eine derartige Analyse schlüssig? Außer Frage steht, dass die Bedeutung des Finanzsektors massiv zugenommen hat. 2002 war die Branche für 41 Prozent der US-Firmengewinne verantwortlich. 2008 erreichte die Verschuldung des Privatsektors in den USA mit 295 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) einen neuen Rekord. Deregulierung erzeugte außerdem Kreditwachstum - das Rohmaterial, das die Finanzbranche erschafft und das ihr als Nahrung dient. Durch die Umwandlung von Kredit in Einkommen kann die Rentabilität des Finanzsystems eine Illusion sein. Zumindest in den USA wird sich die Expansion des Finanzsektors umkehren. Denn Kreditwachstum und Verschuldung haben übertüncht, wie wenig oder gar nicht rentabel viele der Aktivitäten waren, die jetzt verschwinden werden. Und auch ein Teil der Schulden muss getilgt werden. Für die Wall Street ist das Goldene Zeitalter vorüber. Die Wiederkehr der Regulierung ist Ursache und Folge dieser Veränderung.