Mit großem Aufwand versuchen die Behörden, die Ausbreitung der Vogelgrippe in Deutschland zu stoppen. Was aber passiert, wenn die Tierseuche, wie Wissenschaftler befürchten, auf den Menschen überspringt? Sollte es zu einer solchen Epidemie kommen, so lautet eine unter Fachleuten diskutierte These, hilft nur eins: Zwischenmenschliche Kontakte müssen aufs Nötigste reduziert werden.
Haha, guter Witz, denken da viele. Man könne doch nicht die Büros zumachen. Man könne doch nicht die Fließbänder bei Volkswagen abstellen. Man könne doch nicht öffentliche Verkehrsmittel meiden. Man könne doch nicht die Fußballweltmeisterschaft absagen. Doch. All das muss man im Fall des Falles können.
Das Problem ist, dass hier ungläubig über eine zentrale Forderung der Wissenschaft gelacht wird. Neben der "Erhaltung der Einsatzfähigkeit des medizinischen Sektors" ist die "Reduzierung von zwischenmenschlichen Kontakten" im Seuchenfall die wichtigste Stütze des Pandemieplans, den das maßgebenden Robert-Koch-Institut aufgestellt hat.
Tamiflu hilft nicht gegen Dummheit
Die verbreitete Ignoranz gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft ist die beste Garantie dafür, die entscheidende Frühphase in der Bekämpfung der Seuche zu verschlafen. Dann hilft auch keine Medizin mehr. Das angebliche Wundermittel Tamiflu wirkt gegen Dummheit nicht.
Doch der Reihe nach: Derzeit besteht in Deutschland so gut wie keine Gefahr, an Vogelgrippe zu erkranken. Man müsste schon mit toten Schwänen schmusen, um sich mit dem gefährlichen Erreger H5N1 anzustecken.
Dennoch lauert Gefahr: Der Erreger verändert ständig seine genetische Gestalt und infiziert immer mehr Vogelarten. Er könnte - höchstwahrscheinlich irgendwo in Asien - so mutieren, dass er direkt von Mensch zu Mensch überspringen kann. Wenn es so weit kommt, käme das mutierte Virus innerhalb weniger Tage per Flugzeug nach Deutschland.
Der Vogelgrippeerreger ist nach Ansicht der Wissenschaftler das Virus, der am ehesten eine weltweite Epidemie, also eine Pandemie, auslösen kann. Die letzte große weltumgreifende Grippewelle forderte zwischen 1918 und 1921 etwa 50 Millionen Menschenleben.
Kein Wissenschaftler kann sagen, wie viele durch eine Mutation des Vogelgrippevirus sterben könnten. Allein für Deutschland wird aber mit 150.000 Toten oder mehr gerechnet. Unmöglich zu sagen ist auch, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Pandemie kommt. Das ist eine reine Glücksfrage.
Menschenansammlungen meiden
Keine Glücksfrage ist dagegen, wie wir im Fall des Falles reagieren. Der hilflose Umgang mit ein paar infizierten Vogelkadavern, wie er in den letzten Tagen in Mecklenburg-Vorpommern zu beobachten war, lässt nichts Gutes ahnen. Die Kompetenzen für den Katastrophen- und Seuchenschutz sind zersplittert zwischen Ländern und Landkreisen, niemand übernimmt die Verantwortung. Die Auswertung von "Schnelltests" dauerte Tage. Passieren solche Fehler nach dem Ausbruch einer Menschen-Pandemie, wird aus einer Katastrophe eine Superkatastrophe.
Bisher konzentriert sich die Diskussion um die Pandemieprävention auf die Vorräte an Medikamenten. Allerdings hilft das viel zitierte Mittel Tamiflu nur, wenn es direkt nach der Ansteckung genommen wird - bevor Krankheitssymptome wie Fieber erkennbar sind. Das heißt: Selbst wenn es genug Tamiflu für alle gäbe, würde es uns gar nicht schützen.
Die richtige Antwort auf eine drohende Seuche unter Menschen ist also nicht technisch. Die richtige Antwort muss die über die Gefahr aufgeklärte Gesellschaft selbst geben.
Im Katastrophenfall ginge es tatsächlich vor allem darum, die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Beste Bedingungen zur Weiterverbreitung findet der Erreger in Menschenansammlungen aller Art: in Theatern, Kinos, Diskotheken, Märkten, Kaufhäusern, Zügen, Bussen und in Fußballstadien. All diese Orte sollte man dann möglichst meiden.
Jeder Zweite fällt aus
Und wenn die Vogelgrippe die ersten 10.000 Leben gekostet hätte, würden selbstverständlich Familienväter nicht mehr ins Büro gehen, die Bänder bei VW stillstehen und internationale Flüge gestoppt. Jeder zweite Arbeitnehmer fiele Prognosen zufolge aus. In einem solchen Szenario wäre es ein abgeschmackter Witz, die Fußball-WM trotzdem stattfinden zu lassen.
Klug wäre, schon bei ersten Anzeichen auf ein Mensch-zu-Mensch-Virus die Übertragungsmöglichkeiten einzuschränken. Um das am Tag X tun zu können, müssen Verantwortliche in Firmen und Behörden jetzt die Empfehlungen der Wissenschaftler zur Kenntnis nehmen. Im Fall der Fälle müssten Politiker binnen Stunden harte Einschnitte bei Reise- und Handelsfreiheit durchsetzen.
Noch ist Zeit zu planen. Viele Dienstleister könnten dank Telearbeit dafür sorgen, dass ihr Geschäftsbetrieb während einer Pandemie weiterläuft und das Risiko für die Mitarbeiter sinkt. Das erfordert keinen großen Aufwand, müsste aber jetzt vorbereitet werden.
Kommt die Pandemie, gibt es nichts mehr zu lachen. Danach aber werden die Politiker und Firmen gut dastehen, die jetzt einen Minimalaufwand an Krisenplanung betreiben.