Politik wird häufig mit dem Theater verglichen. Das aktuelle Ensemble des Bundestheaters hat für seine Darbietungen der vergangenen Jahre eine miserable Kritik des Publikums erhalten - eine Umfrage des Forsa-Instituts zur Einschätzung der Regierungarbeit hat das erst kürzlich wieder gezeigt. Doch verwunderlich ist weniger das vernichtende Ergebnis der Umfrage als der Mangel an Wissen der Befragten.
Ein Großteil des Publikums muss während der Show eingeschlafen sein. Denn die Deutschen sind mit der Arbeit der Minister unzufrieden, obwohl ihnen oft gar nicht klar ist, wofür diese zuständig sind. Nur 29 Prozent der Befragten finden etwa, Olaf Scholz leiste gute Arbeit - aber nur elf Prozent der Befragten konnten ihn korrekt dem Arbeitsressort zuordnen. Umgekehrt wissen nur 27 Prozent, wer Bundesverteidigungsminister ist - trotzdem finden immerhin 40 Prozent, er mache einen tollen Job.
So ist das schlechte Regierungszeugnis tatsächlich ein peinlicher Beleg für die Ignoranz vieler Bürger. Diese selbst dafür zu kritisieren scheint jedoch unter Politikern und Kommentatoren ein Tabu zu sein. Wahrscheinlich liegt genau darin eine Ursache für diese Mischung aus Unwissen und Verachtung. Wer - wie derzeit etwa im Streit um die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale - immer nur als Opfer und Anspruchsberechtigter angesprochen wird, akzeptiert diese Rolle schnell und beklagt das Versagen anderer, ohne sich um die Fakten zu scheren.
Nur wer Ahnung hat, darf mitnörgeln
Wenn derart viele Befragte keine Kenntnisse über ihre Politiker haben, dann müssen auch viele Akademiker und Fachkräfte unter ihnen sein, die es besser hätten wissen sollen. Für die schichtenübergreifende Ahnungslosigkeit gibt es sicher mehrere Ursachen. Die übliche Diagnose lautet: Die Politiker sind selbst schuld - und natürlich die Medien, die falsch oder verzerrt berichten. Doch niemand ist gezwungen, eine Boulevardzeitung zu kaufen. Seriöse Informationen gibt es an jedem Kiosk im Überfluss. Und der Politik die Schuld dafür zu geben, dass man nichts über sie weiß, verleugnet die eigene Rolle.
Seit Immanuel Kant ist klar: Die Unmündigkeit des Bürgers ist selbstverschuldet, in diesem Fall mangels politischen Interesses. Am deutlichsten lässt sich die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratie an Wahlbeteiligung und Mitgliederschwund der Parteien ablesen. Nicht mehr nur Systemgegner üben sich in Abstinenz, sondern auch moderne Menschen, die den Bezug der Politik zu ihrem Leben nicht erkennen können. Und das Argument, statt im Ortsverein zu hocken, würden die Leute lieber ehrenamtlich oder in Nichtregierungsorganisationen mitarbeiten, zählt wenig - so einen starken Zulauf verzeichnen diese nicht, wie die Menschen den Parteien davonlaufen.
Es ist nachvollziehbar, dass sich nicht jeder brennend dafür interessiert, was Guido Westerwelle, Ronald Pofalla oder Claudia Roth wieder von sich gegeben haben. Es ist aber kein Zufall, dass diese Politiker in der ersten Reihe stehen. Die Parteielite rekrutiert sich weitgehend aus langjährigen Mitgliedern. Jeder Parteilose trägt eine Mitschuld daran, dass nicht andere Politiker regieren.