Es gibt Bilder, die alles sagen. Zum Beispiel jene, die am Sonntag im nordossetischen Wladikawkas aufgenommen wurden. Auf dem Rückweg von den Olympischen Spielen war Russlands Premier Wladimir Putin überraschend in der Stadt gelandet, um Flüchtlinge aus dem umkämpften Südossetien zu treffen. In Jeans, kurzem weißem Jäckchen, die Arme lässig baumelnd vom Körper abgespreizt, stapfte er zwischen den ersten Opfern des jüngsten Kaukasus-Krieges umher. Auch wenn man von Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi schon einiges gewohnt ist - Putin wirkte, als könne er vor Kraft kaum gehen. Das Ganze wirkte wie der Auftritt eines Halbstarken in der Dorfdisco.
Gestik und Outfit sind eigentlich eine geschmäcklerische Petitesse, würde Putin nicht entsprechend Politik betreiben. Schon als Präsident agierte er mit Halbstarken-Attitüde, als er der Ukraine das Gas, Weißrussland und Litauen das Öl abdrehen, Fleischimporte aus Polen stoppen und die Deutsche Lufthansa durch eine Politik der Nadelstiche zwingen ließ, ihr Asiendrehkreuz nach Russland zu verlagern. Als Ministerpräsident hat er nun bewiesen, dass er sich - wie ein Halbstarker - auch nicht scheut, physische Gewalt anzuwenden.
Völlig überzogene Reaktion
Unklar ist bislang, was genau zum Krieg zwischen Georgien und Russland geführt hat. Provokationen durch die südossetischen Abtrünnigen, wie etwa die Regierung in Tiflis behauptet? Oder wollte Georgiens Präsident Michail Saakaschwili das Dauerthema Südossetien durch eine rasche Militäroffensive beenden? Dann hätten seine Truppen als Erstes den Roki-Tunnel abriegeln müssen, die wichtigste Straßenverbindung zwischen Südossetien und Russland, über die wenige Stunden später Moskaus Panzer rollten. Dass Tiflis dies unterließ, spricht entweder für einen erstaunlichen Dilettantismus Saakaschwilis oder aber gegen die These, er habe Südossetien im Handstreich nehmen wollen.
Klar ist hingegen, dass Putins Reaktion völlig überzogen und sogar völkerrechtswidrig ist. Georgiens Truppen aus Südossetien hinauszudrängen, um den Status quo ante wiederherzustellen, wäre noch nachvollziehbar gewesen. Stattdessen drangen Russlands Truppen tief ins georgische Kernland ein - zu einem Zeitpunkt, als Tiflis auf Druck von EU und OSZE längst einen einseitigen Waffenstillstand erklärt hatte -, zerbombten die militärische Infrastruktur und beschädigten die wirtschaftliche schwer. Sie gaben den Abchasen Deckung, um die letzten georgischen Truppen aus dem Kodori-Tal zu werfen. Vor allem aber sagte Russlands Außenminister sehr deutlich, dass Saakaschwili zurücktreten muss. Mit ihm werde man nicht verhandeln.