Wenn man den Klagen der Unternehmer glauben darf, dann drehen die Banken den Geldhahn derzeit immer weiter zu. Gerade jetzt, wo das Ende der Rezession in greifbare Nähe rückt, brauchen viele Firmen aber besonders dringend Mittel, so sie den Aufschwung nicht verpassen wollen. Es droht die Kreditklemme. Doch dieses vermeintliche Horrorszenario hat auch etwas Gutes: Es ist die Chance auf eine notwendige Trendwende in der Unternehmensfinanzierung.
Alle Unternehmen sind darauf angewiesen, ihre Refinanzierung langfristig zu planen und passende, günstige Wege dafür zu finden. Die Furcht, keine Bankkredite mehr zu bekommen, bringt viele Firmen nun in Zugzwang, ihre Refinanzierungsstrukturen zu überdenken - und vielleicht sogar auf ganz neue Säulen zu stellen.
Was für die breite Masse der US-Unternehmen seit jeher selbstverständlich ist, halten in Europa traditionell eher weniger Unternehmen für notwendig: den Zugang zum Kapitalmarkt. Viel zu groß scheint die Scheu zu sein, öffentlich - also vor den Investoren am Kapitalmarkt - die Hosen herunterzulassen und Unternehmensdaten preiszugeben. Waren die Kreditgespräche mit den Banken doch schön diskret und in der Regel auch erfolgreich.
Die Angst vor dem Rating
Manche bonitätsschwächeren Unternehmen lehnten die Alternative Kapitalmarkt sogar deswegen ab, weil sie sich vor einer Bewertung durch die Ratingagenturen scheuen. Wissend, dass ihre Bonitätsnote schlechter als "BBB-" ausfallen und ihre Anleihen damit zur Kategorie "Ramsch" zählen würden. Nein, diesen Stempel wollten sie auf keinen Fall.
Doch nun, da die Banken deutlich weniger Risiken eingehen können oder dürfen, stockt die Kreditvergabe. Die Wirtschaft ächzt und stöhnt: Es fehle das entscheidende Schmiermittel. Gerade von Vertretern des deutschen Mittelstands hört man diese Klagen derzeit oft. Wie abhängig die Wirtschaft von den Bankkrediten ist, machte erst kürzlich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet deutlich: Während US-Unternehmen rund 80 Prozent ihres Refinanzierungsbedarfs über Anleihen und andere kapitalmarktnahe Instrumente decken, sind europäische Firmen bei ihrer Refinanzierung zu etwa 70 Prozent auf Bankkredite angewiesen. Ein weiterer Hinweis darauf, dass man sich im Land der "Hidden Champions" auch bei der Fremdkapitalfinanzierung nicht gern in die Karten schauen lässt.