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Merken   Drucken   30.03.2009, 20:04 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Abschied vom Watschenmann Mehdorn  

Der Bahnchef ist nach der ausufernden Datenaffäre zurecht zurückgetreten. Doch sein Abgang darf nicht das Signal für eine strategische Wende des Unternehmens sein.
Wer demnächst auf irgendeinem Bahnhof dieses Landes auf einen verspäteten Zug warten muss, der hat ein echtes Problem. Bisher konnte die ziellose Wut, die sich beim Wartenden anstaute, in einem Satz gebündelt werden: "Der Mehdorn ist schuld." Nun ist Hartmut Mehdorn, dessen Funktion "Bahn-Chef" manche für einen Teil seines Vornamens hielten, weg. Das Großunternehmen Bahn aber, mit allen seinen Mängeln und strittigen Zukunftsplänen, wird immer noch da sein.
Es ist keine Frage, dass Mehdorn zu Recht zurückgetreten ist. Selbst wenn es stimmen sollte, dass der Bahn-Chef über die flächendeckenden Kontrollen von Mitarbeiter-E-Mails nichts wusste, so trägt er doch die Verantwortung für diese Affäre. Mit der ihm eigenen Informationspolitik, durch die Einzelheiten nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit drangen, hat er das Vertrauen in seine Führungsstärke über die Maßen beschädigt.
Wahr ist aber auch, dass vielen, die nun den Abgang Mehdorns bejubeln, die Datenaffäre herzlich egal ist. Für sie ist der fast zehn Jahre amtierende Konzernchef ein Symbol für die verhassten Privatisierungspläne der Bahn, für den Wandel vom Staatsunternehmen zum Dienstleister und damit für die harte Sanierung eines Konzerns, der zum Inventar der alten Bundesrepublik gehörte.
Doch Mehdorns Abgang darf kein Signal für eine Abkehr von diesem Weg sein. Die Bahn muss weiterhin unternehmerisch geführt werden. Der Börsengang mag angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten derzeit kein Thema sein, aber er bietet weiterhin die beste Perspektive für den Konzern. Man kann Mehdorn vorwerfen, dass er diesem Ziel durch sein ruppiges und undiplomatisches Auftreten geschadet hat. Doch das Ziel selbst bleibt richtig.
Wenn nun versucht wird, die Verantwortung im Unternehmen auf mehr Köpfe zu verteilen, indem die Führung der Bahn-Holding und der Transporttöchter getrennt wird, dann steht dahinter ein vernünftiger Gedanke: Es geht darum, aus der Bahn ein "normales" Unternehmen zu machen, in dem nicht alle Strippen an einem Ort zusammenlaufen, sondern Leiter der einzelnen Konzernteile für ihren Bereich geradestehen.
Wenn dies gelingt, kann Mehdorns Rücktritt einen positiven Effekt haben. Der Wartende auf dem Bahnhof aber wird leiden: Ihm fällt dann einfach kein Name mehr ein, auf den er schimpfen kann.
  • Aus der FTD vom 31.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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