Man denke sich drei Länder: Eines ist eine frühere Sowjetrepublik, deren Wirtschaft bisher nur zaghaft reformiert worden ist. Das zweite ist ein exportstarker EU-Staat außerhalb der Euro-Zone. Und das dritte ist ein erfolgreiches Euro-Land mit allen Rechten und Pflichten.
Unter normalen Umständen würde niemand auf die Idee kommen, diese Staaten über einen Kamm zu scheren. Genau dies geschieht allerdings in diesen Tagen, wenn Investoren von einer sich anbahnenden Katastrophe in "Osteuropa" sprechen. Die Gefahr dabei liegt auf der Hand: Es geraten auch die Währungen jener Länder unter Druck, die in den vergangenen Jahren solide gewirtschaftet haben und deren Aussichten selbst in dieser Lage noch vergleichsweise gut sind.
Dabei steht außer Zweifel, dass selbst innerhalb der EU einige Staaten in eine tiefe Krise geraten sind. Die baltischen Staaten, aber auch Bulgarien und Rumänien haben zweistellige Leistungsbilanzdefizite angehäuft und geraten zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten - was den Abfluss ausländischen Kapitals beschleunigt. Vor allem das Baltikum ist jedoch schon lange vor der aktuellen Finanzkrise ins Schlingern geraten.
Anders sieht es in Polen, Tschechien oder gar dem Euro-Mitglied Slowakei aus, die gemeinsam den größten Bevölkerungsanteil unter den EU-Neulingen stellen. Das Problem der Verschuldung in Fremdwährungen, eine der wichtigsten Ursachen der derzeitigen Krise, spielt hier eine viel geringere Rolle. Hypotheken, die zum Teil in Fremdwährungen aufgenommen werden, machen in Polen nur knapp zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus - verglichen mit deutlich über 30 Prozent in den baltischen Staaten.
Polen, Tschechien und die Slowakei werden ebenso unter zurückgehenden Exporten leiden wie andere EU-Länder. Aber sie stehen in vielerlei Hinsicht sogar besser da als die langjährigen EU-Staaten Griechenland, Irland und Portugal. Sollten sich die Prognosen erfüllen, wird ihre Wirtschaft dieses Jahr sogar noch moderat wachsen.
Vollends merkwürdig wird der Gebrauch des Etiketts Osteuropa, wenn die mitteleuropäischen EU-Staaten in einem Atemzug mit Russland oder der Ukraine genannt werden, die den europäischen Anpassungsprozess nicht mitgemacht haben und unter einem nach wie vor unsicheren Umfeld für Investitionen leiden.
Wenn über die ökonomischen Mängel hinaus auch vor politischer Instabilität gewarnt wird, dann dürfte dies allenfalls auf diese GUS-Staaten zutreffen. Die EU-Neulinge haben eine so erfolgreiche Phase demokratischer Reformen hinter sich, dass auf die politischen Systeme Verlass ist.
Eine allgemeine Osteuropakrise gibt es bisher nicht, auch wenn der Hang zur Pauschalisierung dazu beitragen kann, dass tatsächlich alle Staaten der Region unter Druck geraten. Vernunftbegabte Investoren sollten aber in der Lage sein, echte Problemfälle von normal entwickelten Volkswirtschaften zu unterscheiden.