Bei älteren Russen dürften die Bilder, die in diesen Tagen über den Schirm flimmern, böse Erinnerungen wecken. Leere Supermarktregale sind da zu sehen, wie einst zu Sowjetzeiten. Bisher beschränkt sich der Leerstand auf einige Läden, doch er lässt Schlimmes ahnen: Der Wirtschaft steht ein schwerer Einbruch bevor, ausgelöst von der Finanzkrise. Dass der Abschwung das Land hart trifft, liegt aber auch am Kreml.
Schon bei einem Ölpreis von unter 70 $ je Barrel, so gibt Finanzminister Alexej Kudrin nun zu, ist der Staatshaushalt im Minus. Das ist ein politischer Offenbarungseid, der zeigt, wie einseitig diese Volkswirtschaft auf den Rohstoffexport ausgerichtet ist. Die Regierung hat es versäumt, Russlands Industrie zu diversifizieren. Jetzt, da Erdöl-, Gas- und Metallpreise fast synchron einbrechen, fehlt der Wirtschaft das ausgleichende Element. Russland hat sich dem Auf und Ab der Rohstoffbörsen ausgeliefert.
Das wäre nicht ganz so schlimm, hätten die Unternehmen in den Boomjahren richtig Kasse gemacht. Damals aber schöpften nicht einmal die Öl- und Gasindustrie ihr Potenzial aus. Trotz explodierender Preise konnte Russland seine Förderung zuletzt kaum steigern. Die Produktionsanlagen waren oft überaltert, große Vorkommen ausgelaugt - der Staatskonzern Gazprom etwa investierte jahrelang kaum in neue Felder.
Ausländische Kapitalgeber wiederum schreckt die Rechtsunsicherheit im Land ab. Einer Regierung, die Managern des Ölkonzerns TNK-BP die Arbeitserlaubnis entzieht und Shell die Kontrolle über das Großprojekt Sachalin 2 entreißt, vertraut man ungern Milliarden an. Dass die Börsenkurse seit Mai um durchschnittlich 70 Prozent eingebrochen sind, verwundert kaum. Der Kreml hat in den fetten Jahren nicht für magere Jahre vorgesorgt. Das könnte sich jetzt bitter rächen. Nicht nur im Supermarkt.