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Merken   Drucken   20.11.2005, 19:43 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Bloß keine Dynamik  

Die Europäische Zentralbank ist für die Wirtschaft der gesamten Euro-Zone zuständig. Deutschland macht als größte Volkswirtschaft im Währungsraum nur ein Drittel aus. Dennoch fällt es auf, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet unmittelbar vor Amtsantritt der neuen Bundesregierung die Zinswende in Europa ankündigt.
Die Notenbank werde den Leitzins bei der nächsten Sitzung im Dezember leicht anheben, lässt er wissen. Es wird der erste EZB-Zinsschritt seit fast fünf Jahren sein.
In Frankfurt zeigt man sich damit konsequent konservativ: Kaum nimmt die Wirtschaft etwas Fahrt auf, folgt der Griff zur Bremse. Die bloße Möglichkeit, dass es irgendwann zu - bisher nicht sichtbarer - Inflationsdynamik kommt, wird sehr viel ernster genommen als das Risiko, eine Erholung abzuwürgen. Die Kollegen in Washington und Tokio sind da mutiger - und ihre Volkswirtschaften deutlich erfolgreicher.
Ganz isoliert betrachtet, ist die angekündigte Straffung sicher nachvollziehbar. Die Geldmenge, die in der EZB-Strategie - anders als im Rest der Welt und auch in der Wissenschaft - nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, ist zuletzt kräftig gestiegen. In einigen Euro-Ländern gibt es auch klare Anzeichen einer Überhitzung der Immobilienmärkte.
Da eine Zinserhöhung zudem nur mit Verzögerung wirkt, muss die EZB vorausschauend handeln. Jüngste Konjunkturindikatoren haben auch in Deutschland einen Aufschwung signalisiert, es ist durchaus möglich, dass das Expansionstempo in den nächsten Monaten noch anzieht. Zumal die Investoren volle Kassen haben und die Aussicht auf den Zinsanstieg manchen vielleicht sogar animiert, sein Projekt jetzt schnell umzusetzen. Vorzieheffekte wegen erhöhter Abschreibungssätze und der geplanten Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland kommen noch dazu.
Eine Teuerungswelle, die letztlich durch stark steigende Löhne ausgelöst werden müsste, ist dennoch nirgends in Sicht. Nach jahrelanger Krise ist die Auslastung der Wirtschaft gering. Die Konjunktur kann da einige Zeit auf Hochtouren laufen, bevor es etwa am Arbeitsmarkt zu Spannungen kommt. Zumal trotz positiver Signale von einem selbsttragenden Aufschwung in Europa noch nicht gesprochen werden kann.
In Deutschland etwa, dem Schwergewicht im Währungsraum, steht Anfang 2007 eine eiskalte Dusche aus Steuererhöhungen an. Die Abgabenlast wird dann die Wirtschaft dämpfen.
Der Schritt der EZB wäre weniger problematisch, wenn die Notenbank auch so schnell reagieren würde, sobald die Konjunkturdynamik wieder nachlässt. Gerade an dieser Beweglichkeit ließ die EZB es aber bisher fehlen. So ist Trichets Signal eine ziemlich schlechte Nachricht für die Regierung Merkel.
  • Aus der FTD vom 21.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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