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Merken   Drucken   18.01.2006, 19:59 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Börsen - Eklat auf der Party  

Wenn das kein bizarrer Anlass für einen Sturz der weltweit boomenden Aktienmärkte ist: Ein eher unbedeutendes japanisches Unternehmen namens Livedoor erhält Besuch vom Staatsanwalt, der Vorwurf der Kursmanipulation steht im Raum. Das war am Dienstag. Seitdem fallen die Kurse.
Zunächst in Tokio, das den stärksten Absturz seit einem Jahr erlebte und wo das Computerhandelssystem unter dem Ansturm der Verkaufsaufträge in die Knie ging. Dann wurden die asiatischen und europäischen Börsen schwach. Sogar der Dow Jones an der großen New Yorker Börse ließ sich anstecken und rutschte wieder unter die gerade übertroffene Marke von 11.000 Punkten.
Wenn ein so windiger Vorfall bei einem so kümmerlichen Unternehmen einen Einbruch des Marktes auslöst, dann liegt der Schluss nahe, dass der Aktienboom zuletzt einen windig-unsoliden Charakter angenommen hat. Zumindest in Japan sprechen einige weitere Indizien für diese Auffassung.
Das Unternehmen Livedoor und sein Chef Takafumi Horie haben sich als Gegner des japanischen Establishments profiliert. Ihre Methoden waren "Financial Engineering" im Gegensatz zum traditionellen japanischen Geschäftsgebaren persönlicher Beziehungen und Arrangements in Hinterzimmern. Es war klar, dass die Sympathie der ausländischen Investoren Herrn Horie und seinen neuen Methoden galt. Auch der unkonventionellen PR-Methoden durchaus zugetane Premierminister Junichiro Koizumi fand an Horie Gefallen und nutzte ihn als Gegenkandidaten gegen traditionell konservative Parteigegner.
Sehr hohe Risikobereitschaft
Der Kursanstieg der Tokioter Börse um 40 Prozent im vergangenen Jahr war fast vollständig auf den Ansturm ausländischer Investoren zurückzuführen. Europäische, vor allem aber US-amerikanische Fonds hatten das zuvor jahrelang ignorierte Japan 2005 wiederentdeckt, als sich dort ein konjunktureller Aufschwung festigte. Auch zur Jahreswende war der Tokioter Aktienmarkt ihr großer Favorit. Wie in den 80er Jahren galten dort Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 18 bis 20 als tolerabel.
Im Vergleich zu den anderen großen Börsen war der japanische Markt zweifellos besonders heiß gelaufen. Dass die Schockwellen von dort so schnell um den Globus laufen, dürfte aber daran liegen, dass die Investoren zuletzt fast überall ihre Zurückhaltung aufgegeben haben. Am selben Tag, als der Kursrutsch in Tokio seinen Anfang nahm, berichtete die Investmentbank Merrill Lynch, dass die Quote an Bargeld, die Fondsmanager weltweit halten, mit 3,5 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Erhebung ihrer Umfrage gerutscht ist. Mit anderen Worten: Der Optimismus und die Risikobereitschaft der Vermögensverwalter waren in diesem Jahrtausend noch nie so groß wie jetzt.
  • Aus der FTD vom 19.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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