Der gute alte John Maynard Keynes hätte seine helle Freude gehabt: Mit einem gewaltigen Konjunkturprogramm hat China sich im zweiten Quartal dieses Jahres sein Wirtschaftswachstum zurückerobert. Dabei greift das bevölkerungsreichste Land der Erde auf Klassiker der Konjunkturförderung zurück: Der Staat lässt Infrastruktur wie Brücken, Eisenbahnen und Straßen bauen. Nebenher lockert er die Kreditvergabe.
Der Erfolg ist geradezu spektakulär: Schneller als von vielen Experten erwartet hat China den Schock überwunden, den die wegbrechenden Exporte ausgelöst hatten. Die Wirtschaft wächst mit hohen Raten: acht Prozent mehr als im Vorjahr, elf Prozent mehr als im Vorquartal - während viele Länder noch tief in der Krise stecken.
Pikanterweise kommt dem chinesischen Regime dabei der Umstand zugute, dass es sein Programm ohne demokratische Kontrolle von oben herab verfügen kann. Keine öffentliche Meinungsbildung, keine Genehmigungsverfahren und keine Umweltverträglichkeitsprüfung bremsen seine Pläne. Bereits in der Asienkrise Ende der 90er-Jahre hatte die Staatsführung das Land mit einem ähnlichen Paket zurück auf den Wachstumspfad befördert.
Chinas neuer Boom ist gut für die Weltwirtschaft, weil er zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem in den USA und Europa bislang nur die Frühindikatoren stark nach oben gehen. Und er ist gut für China, weil Abermillionen sozial ungesicherte Menschen dringend auf Arbeit angewiesen sind.
Als Lokomotive für die gesamte Weltwirtschaft taugt China deswegen allerdings noch nicht. Trotz des enormen Wachstums ist die Volkswirtschaft in absoluten Zahlen immer noch zu klein, um die Industriestaaten anzuschieben.
Aber auch in China selbst bringt der Aufschwung einige Risiken mit sich. Die Banken drohen unter ihrer Kreditvergabe zu leiden, die auf staatlichen Befehl hin stark erhöht wurde. Falls der Aufschwung sich nicht bald selbst trägt, könnten massenhaft Kredite ausfallen. Die starke Ausweitung der Geldmenge birgt zudem die Gefahr einer Inflation, falls die Regierung nicht rechtzeitig gegensteuert - wofür es noch keine Anzeichen gibt.
Aus globaler Sicht krankt Chinas Boom daran, dass er nicht von einem wünschenswerten Abbau des enormen Exportüberschusses begleitet wird. Das Konjunkturpaket ist im Gegenteil stark darauf ausgerichtet, Exportunternehmen zu stützen, weniger den Konsum und damit die Importnachfrage. Es droht damit eine Kernursache der Weltwirtschaftskrise zu verfestigen: das Ungleichgewicht aus hohen Exportüberschüssen und steigenden Devisenreserven in China. In den USA schrumpft derzeit der Importüberschuss, während die Sparquote steigt - eine simple Folge der Rezession, die die Amerikaner weniger kauflustig macht.
Chinas Regierung sollte sich daranmachen, viel stärker als bislang die Inlandsnachfrage anzukurbeln. Sonst könnte sich erweisen, dass der Boom zu schön ist, um wahr zu sein.