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Merken   Drucken   15.01.2009, 20:54 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Das Diktat der Daten  

Glaubwürdigkeit ist das wertvollste Kapital jeder Notenbank. Es versetzt sie im Idealfall in die Lage, schon mit einem Fingerzeig die Veränderungen auszulösen, für die schwächere Währungshüter erst einmal alle möglichen monetären Hebel in Gang setzen müssen.
Die Finanzkrise und der rasante Absturz der Realwirtschaft haben die Währungshüter weltweit jedoch in eine Lage gebracht, in der ihre Ankündigungen von gestern schon heute ungenügend und überholt sein können. Auch in diesem Sinne ist jetzt Pragmatismus im Stile eines John Maynard Keynes geboten: "Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was machen Sie, Sir?"
Europas Zentralbanker haben ihre Meinung geändert, und das war auch dringend nötig. Es werde erst einmal eine Zinspause geben, hatte der EZB-Rat bis vor Kurzem durchblicken lassen. Jetzt hat er den Leitzins trotzdem gleich um weitere 50 Basispunkte gesenkt. Die neuen Fakten rechtfertigen das nicht nur. Sie erzwingen es geradezu.
Europas Realwirtschaft befindet sich in weiten Teilen im freien Fall. Der Absturz, den anfangs nur die Stimmungsindikatoren signalisierten, lässt sich inzwischen auch an den harten Daten zur Wirtschaftsaktivität, an den Aufträgen, an der Produktion sowie der Beschäftigung ablesen. In Deutschland erwartet selbst die Regierung, die gewiss nicht zu exzessiver Schwarzmalerei neigt, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2009 um mehr als zwei Prozent schrumpfen wird.
Inflationsgefahren, die Notenbanker beunruhigen müssten, lassen sich da nirgends erkennen. Zumal der Verfall der Rohstoffpreise die Teuerungsraten zusätzlich dämpft. Auch Vermögenspreisblasen zeichnen sich an keiner Stelle ab.
Die eigentliche Gefahr für die Geldpolitik ist eine andere: Stürzt die europäische Wirtschaft allzu tief in die Krise, dann kann aus einer Disinflation irgendwann Deflation werden, aus dem Rückgang der Teuerung ein fortschreitender Verfall der Preise, der mit den herkömmlichen monetären Mitteln nur sehr schwer zu stoppen wäre.
Der EZB bleibt keine andere Wahl, als weiterhin auf Sicht zu fahren und schnell zu reagieren. Mit der Zinssenkung vom Donnerstag bleibt sie halbwegs auf der Höhe des Geschehens, mehr aber auch nicht. Dass ihr Präsident Jean-Claude Trichet  nun keinen akuten Handlungsbedarf mehr sieht, sollte von keinem als letztes Wort verstanden werden. Pausen gibt es derzeit immer nur unter Vorbehalt.
  • Aus der FTD vom 16.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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