Als die Welt noch in Ordnung war, gab die Wall Street dem US-Notenbankchef den Spitznamen Helikopter-Ben. Denn der Wirtschaftsprofessor
Ben Bernanke hatte in seinen wissenschaftlichen Schriften erklärt, weshalb Notenbanken im äußersten Notfall Geld gleichsam aus dem Hubschrauber abwerfen müssen, um die Verheerungen hartnäckiger Deflation abzuwenden.
Jetzt hat die Fed zu einer solchen Notstrategie gegriffen, und die Wall Street redet seit Mittwoch nicht mehr von Helikoptern, sondern von "Nuklearoption", "Rambo Bernanke" und "Shock and Awe". Schon diese Wortwahl zeigt, was für ein dramatisches Signal die US-Notenbank gegeben hat.
Die Fed hat angekündigt, künftig nicht nur den Banken billiges Geld anzubieten, sondern über 1000 Mrd. $ direkt zu schöpfen, indem sie selbst US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere aufkauft. Dieser Plan wird für sich genommen nur begrenzte Wirkung entfalten: Die 300 Mrd. $, die zur Finanzierung der Staatsschulden vorgesehen sind, fallen angesichts des gewaltigen Kreditbedarfs des Fiskus noch nicht besonders ins Gewicht. Ob die Notenbankintervention am Hypothekenmarkt schon ausreicht, den Verfall der Hauspreise zu stoppen, ist fraglich.
Im Vergleich zu den Maßnahmen der Bank of England, die schon Anfang des Monats eine ähnliche Politik der direkten Geldschöpfung eingeleitet hatte, sind die Schritte der Fed noch immer bescheiden dimensioniert.
Entscheidend ist aber, dass die Fed jetzt klargemacht hat, dass sie nachlegen wird, wenn die erste Spritze dieser Art nicht reicht. Die Notenbank wird ihr Arsenal vollständig ausschöpfen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln - ohne Rücksicht auf mögliche Risiken jetzt oder in der fernen Zukunft.
Kurzfristig hat dieses Signal die erwünschte Wirkung erzielt: Die Verzinsung der Staatsanleihen fiel schlagartig um fast einen halben Prozentpunkt, Anlagen in risikobehafteteren Papieren werden wieder attraktiver. Der Aktienmarkt, der sich schon in den Tagen zuvor stabilisiert hatte, setzt seine Erholung fort.
Die Risiken der neuen Politik wurden allerdings auch sofort sichtbar: Der Dollar sackt ab, innerhalb von nur zwei Tagen sprang etwa der Kurs zum Euro von unter 1,30 $ auf über 1,37 $.
Eine Dollar-Abwertung trägt zwar auch dazu bei, die Realwirtschaft in den USA anzukurbeln, weil sie den Export fördert und die Einfuhren verteuert. Wer die Deflationsspirale fürchtet, kann sich auch über importierte Inflation freuen. Die destabilisierenden Effekte eines Dollar-Crashs an den internationalen Devisenmärkten wären aber gewaltig.
Angesichts der dramatischen Krise des Finanzsystems und in der Realwirtschaft hat die Fed praktisch keine andere Wahl mehr, als solche Risiken einzugehen. Klar ist aber auch, dass diese Operation längst nicht so harmlos ist wie ein Hubschrauberflug. "Shock and Awe" kann zu massiven Kollateralschäden führen.