Es ist nicht lange her, da kannte die Preisentwicklung in den USA nur eine Richtung: nach oben. Hauspreise, Lebensmittel, Energie - alles ging rauf, was sogar dazu führte, dass sich noch im Frühsommer Amerikaner an der Tankstelle verabredeten, um dort gemeinsam für sinkende Benzinpreise zu beten.
Nur einige Monate später sind die Inflationssorgen nicht nur wie weggepustet. Inzwischen häufen sich die Warnsignale, dass die USA von einer gefährlichen Preisspirale nach unten erfasst werden könnten. Im Windschatten von Finanzkrise und Konjunktureinbruch sind die Verbraucherpreise im Oktober so dramatisch eingebrochen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Zudem hat sich der rasante Preisverfall am Häusermarkt noch einmal beschleunigt.
Nach der Angst vor der Rezession kommt jetzt die Angst vor der Deflation: vor einem Abwärtsstrudel aus Rezession, fallenden Preisen und sinkenden Unternehmensgewinnen, der auch die Weltwirtschaft nach unten zieht.
Jedoch wäre es zu früh für eine seriöse Vorhersage, ob der US-Wirtschaft Verhältnisse drohen, wie sie Japan in den 90ern ein ganzes Jahrzehnt stagnieren ließen. Der jüngste Rückgang der Verbraucherpreise geht größtenteils auf den atemberaubenden Absturz des Ölpreises zurück. Nach fast 150 $ im Juli kostete ein Barrel am Donnerstag erstmals seit drei Jahren wieder weniger als 50 $.
Dennoch lässt sich die Gefahr nicht von der Hand weisen, dass die gesamte US-Wirtschaft in eine ähnliche Depression rutscht, wie es sie am Ölmarkt bereits gibt. Selbst wenn es derzeit noch keine Anzeichen für eine wirkliche Deflation gibt, ist die Lage derart labil, dass nichts ausgeschlossen werden kann.
Die Gefahr ist: Ist die Spirale nach unten erst einmal im Gang, lässt sie sich kaum noch stoppen. Umso wichtiger ist, dass Regierungen und Notenbanken aggressiv auf die Deflationsgefahr reagieren. Sollten sie die Situation falsch einschätzen, würden sie auf Jahre hinaus gigantischen Schaden anrichten.
Ein gutes Zeichen ist, dass die US-Notenbank Fed und die amerikanische Regierung keinen Zweifel daran lassen, dass sie zu einem entschiedenen Vorgehen bereit sind. In Europa, das gegen eine Preisspirale abwärts ebenfalls nicht immun ist, sind die Aussichten finsterer. Die zögerliche Zinspolitik der EZB erinnert stärker an die verheerende Rolle der japanischen Notenbank in den 90er-Jahren als an jene der Fed, die in der letzten Krise mit niedrigen Zinsen beigetragen hat, die Deflationsangst zu vertreiben.
Auch die EZB muss zu deutlicheren Zinssenkungen bereit sein, wenn es die Lage erfordert. Und die Regierungen müssen die Nachfrage mit echten Konjunkturpaketen stützen - statt sich wie die deutsche mit einem Konjunkturpäckchen durchtricksen zu wollen.