Wenn sie alle es wirklich ernst meinen, dann muss sich die Große Koalition noch in den nächsten Wochen auf einen starken deutschen Kandidaten für die nächste EU-Kommission einigen. So schwer ihr das mitten in einem Wahlkampf auch fällt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass für die Deutschen in der neuen Kommission nur ein großartig dekorierter Katzentisch übrig bleiben könnte, wenn der Berliner Kandidat erst auf den letzten Drücker benannt wird, also im Herbst, nach der Bundestagswahl.
Der Fahrplan in Brüssel steht längst fest. Alles deutet derzeit darauf hin, dass Kommissionspräsident José Manuel Barroso von den Regierungschefs nach der Europawahl im Juni für eine weitere Amtszeit ernannt wird. Er wird dann sofort beginnen, in enger Absprache mit den nationalen Regierungen seine neue Kommissarsriege zusammenzustellen. Einige Länder haben da bereits sehr konkrete Vorstellungen zu den gewünschten Ressorts und zu ihren möglichen Topkandidaten.
Die Deutschen sind bislang durch den Wahlkampf gelähmt. Industriekommissar Günter Verheugen tritt nicht mehr an, klar ist nur, dass Berlin sich auch künftig ein starkes, wirtschaftsnahes Ressort sichern will. Eine solche Platzhalterstrategie wird aber dazu führen, dass der Zuschnitt des Ressorts über Monate gefleddert wird, ehe der deutsche Kandidat antritt.
Diese fatale Schwächung lässt sich nur verhindern, wenn Berlin rechtzeitig eine starke Figur nominiert. Für Union und SPD sollte gleichermaßen der Grundsatz gelten: Lieber ein deutscher EU-Kommissar mit Einfluss als ein Parteifreund, der in Brüssel nur einen besseren Grüßaugust spielen darf.
Als Deutschlands Mann in Brüssel käme etwa der in der EU hoch angesehene Wolfgang Schäuble infrage. Aber auch - ganz koalitionsneutral - ein Kandidat wie Joschka Fischer. Klar ist: Schwarz-Rot muss jetzt Format zeigen.