In einem Zeichentrickfilm für Kinder hat die Europäische Zentralbank ihre Arbeit vor Jahren einmal als den Kampf gegen die zwei Monster inszeniert: Inflation und Deflation. Wirklich gefährlich wird es in dieser Geschichte allerdings nur, weil die große Inflation ihr Unwesen treibt. Das kleine kuriose Deflationsmonster ist sicher im Einweckglas gefangen und wird nur einmal kurz der Vollständigkeit halber vorgezeigt.
Wer sich damit die heutige Welt erklären will, der ist eindeutig im falschen Film. Auch die Volkswirte der EZB rechnen jetzt mit einem scharfen Konjunktureinbruch und deutlich nachlassender Teuerung. Laut ihrer neuesten Projektion wird die Inflation in diesem und im nächsten Jahr weit unter die Zielmarke der Notenbank fallen. Da ist es nur konsequent und richtig, wenn sich EZB-Präsident
Jean-Claude Trichet auch nach der Leitzinssenkung vom Donnerstag um 50 Basispunkte auf das historische Tief von 1,5 Prozent die Option einer weiteren Lockerung ausdrücklich offenhält.
Wie die Notenbank sich für den Fall rüstet, dass der weltweite Absturz der Realwirtschaft das Deflationsmonster freisetzt, dazu blieben seine Aussagen allerdings irritierend vage. Sicher kann in Europa von einem nachhaltigen Verfall der Preise noch keine Rede sein. Völlig auszuschließen ist ein solches Szenario aber nicht mehr - und die Folgen wären dann katastrophal. Der Fall Japan liefert genügend Anschauungsmaterial.
Fallende Preise erdrücken die Kreditnehmer in einer Wirtschaft, und sie lassen die Käufer abwarten. Die klassische Geldpolitik läuft dann leer, weil der nominale Zins nicht unter null gesenkt werden kann. Vieles spricht dafür, dass eine Notenbank sich gar nicht erst an den Rand einer solchen Abwärtsspirale bringen lassen sollte.
Das Risiko ist derzeit zweifellos vorhanden. Weltweit bricht die Nachfrage im Gleichtakt ein, steigt die Arbeitslosigkeit. Das drückt stark auf die Preise. Dass die europäischen Wirtschaftsakteure bislang keine Deflation erwarten und es deshalb auch noch kein fatales Abwarten und Verzögern von Käufen gibt, ist kein wirklich überzeugendes Gegenargument. Solche Erwartungen können sich rasch ändern.
Es liegt jetzt an der EZB, klar zu erläutern, dass sie das Deflationsmonster auch in diesen absturzgefährdeten Zeiten sicher in seinem Glas halten wird. Und mit welchen Mitteln sie dieses Ziel erreichen will.