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Merken   Drucken   23.01.2008, 21:14 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Fahrlässiges Nichtstun der EZB  

Um fast zwei Prozentpunkte hat Amerikas Notenbank ihre Leitzinsen seit Ausbruch der Finanzturbulenzen im Sommer gesenkt. Die Europäische Zentralbank sollte sich ein Beispiel daran nehmen.
Angesichts der Konjunkturrisiken wie auch des ungebremsten Absturzes an den Börsen stellen die US-Währungshüter weitere Entlastung in Aussicht. Kaum krasser könnte verglichen dazu wirken, wie aufreizend gelassen die Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank (EZB) zinspolitisch auf die Turbulenzen reagieren. Unbeeindruckt teilte EZB-Chef Jean-Claude Trichet am Mittwoch inmitten heftiger Kursstürze mit, dass für ihn kein Grund bestehe, von seiner harten Linie abzuweichen.
Was in den vergangenen Wochen mit gutem Willen noch nachvollziehbar schien, droht nun fahrlässig zu werden. Es ist höchste Zeit, dass auch die EZB die Option einer Zinssenkung zumindest in Aussicht stellt.
Fraglos lässt sich zweifeln, ob es gut ist, wie die US-Notenbank Politik für Aktionäre macht und mit Zinssenkungen drohende Kursstürze verhindert. Dieser Logik folgend hätte sie vorher auch gegenhalten müssen, als die Kurse hochschossen. Man kann der EZB auch zugutehalten, dass die Europäer im Schnitt nicht so direkt von der Immobilienkrise getroffen sind wie Amerikaner und Briten.
Das allerdings reicht nicht, um zinspolitisches Nichtstun zu rechtfertigen, also das Gegenteil von dem, was die Fed tut. Seit September sind die Wachstumsprognosen für die Euro-Zone stark nach unten revidiert worden - ohne dass die EZB seitdem ihren Tonfall entsprechend angepasst hätte.Das bedeutet, dass sie entweder damals zu restriktiv war - oder es jetzt ist. Und es nährt den Verdacht, dass die EZB vor allem deshalb anders reagiert als die Fed, weil sie eher bereit ist, steigende Arbeitslosigkeit zu tolerieren.
Die sorglose Annahme, dass Europa dem Sog einer US-Rezession entkommen könnte, kann sich bitter rächen. Wenn die Konjunktur bislang robust blieb, lag das auch daran, dass die US-Krise nur eine Immobilienkrise war. Jetzt hat sie sich zu einer akuten Krise der Finanzmärkte ausgewachsen. Sollte daraus nun eine gesamtwirtschaftliche Rezession werden, wird das auch in Europa den Aufschwung stoppen. Dann würde auch der Preis- und Lohndruck bald nachlassen, den die EZB als Argument gegen Zinssenkungen strapaziert.
Ob es in den USA zu einer schlimmen Rezession kommt oder nicht, weiß die EZB nicht besser als die Fed. Nur zieht die US-Notenbank aus dieser womöglich folgenschweren Unsicherheit den Schluss, lieber zu stark gegenzusteuern als zu spät. Sie pusht ihre Wirtschaft lieber etwas zu viel, als sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen. Zu Recht.
Wenn die EZB darauf wartet, bis der Absturz sicher ist, wird sie mit ihrem Gegensteuern zu spät kommen. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Quartale, bis niedrigere Zinsen zur Stabilisierung der Konjunktur führen. Dann ist die Krise längst da.
  • Aus der FTD vom 24.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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