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Merken   Drucken   23.02.2006, 21:01 Schriftgröße: AAA

Leitartikel: Irak - Gewalt ohne Monopol  

Nach dem dramatischen Anschlag auf die Al-Askari-Moschee ist der "Bürgerkrieg im Irak" ein Szenario, das gleichermaßen bedrohlich wie vage ist. Bürgerkriege kennen schließlich kein Gesetz und Recht, sie werden meist nicht offiziell ausgerufen oder festgestellt, sondern ergeben sich aus dem Zerfall der bestehenden Ordnung.
Schon die bisherige Gewalt im Irak ist deshalb gelegentlich als Bürgerkrieg auf kleiner Flamme bezeichnet worden. Allerdings gab es bislang stets auch einen Prozess, in dem sich eine neue Ordnung politisch und militärisch konstituierte.
Die akute Gefahr ist jetzt, dass dieser Prozess zusammenbricht. Irgendwelcher Kriegserklärungen der verschiedenen Volksgruppen untereinander bedarf es dann gar nicht mehr.
Die militärischen Anstrengungen der USA und der irakischen Regierung richten sich seit Monaten vor allem darauf, schlagkräftige einheimische Sicherheitskräfte aufzubauen, die ein staatliches Gewaltmonopol durchsetzen können. De facto hat die Zentrale in Bagdad aber kaum starke loyale Truppen. Lokale und ethnische Milizen bestimmen von Kurdistan bis Basra das Geschehen oder bilden das Rückgrat der neu aufgestellten offiziellen Kräfte.
In der Pogromstimmung seit dem Anschlag auf das Heiligtum in Samarra wird nun von allen Seiten die Frage gestellt, wer künftig noch die Sicherheit der eigenen Gruppe und eigenen Heiligtümer garantieren kann. Die Regierung in Bagdad scheint damit überfordert, der Ruf nach Selbstverteidigung und Rache, nach Mobilisierung der eigenen Kämpfer zum Schutz gegen alle anderen droht übermächtig zu werden.
Allen politischen Führern muss klar sein, dass der Absturz in die Anarchie nur Verlierer hervorbringen wird. Die Frage ist trotzdem, ob sie ihn in der aufgewühlten Lage noch verhindern können.
  • Aus der FTD vom 24.02.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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