Es gehört zu den Schwachstellen der deutschen Mentalität, dass man das eigene Land gern als Vorreiter betrachtet. Ob in der Klimapolitik, beim Automobilbau oder in der Entwicklung erneuerbarer Energien - oft wähnen sich deutsche Vertreter an der Spitze einer weltweiten Bewegung.
Dieser Anspruch war schon oft anmaßend. Beim Thema Kernenergie allerdings wirkt er zunehmend absurd. Während Deutschland eisern an seinem Ausstiegsbeschluss festhält, planen andere Staaten Dutzende neue Reaktoren. Unter dem Druck strenger Klimavorgaben gab auch Schweden kürzlich seinen Widerstand gegen den Bau neuer Meiler auf.
Deutsche Unternehmen haben diese Entwicklung längst erkannt und nehmen munter am globalen Wettrennen um Aufträge für Kernkraftwerke teil. Siemens beeilt sich, ein Joint Venture mit dem russischen Atomkonzern Rosatom unter Dach und Fach zu bringen. Andere Betreiber wie Eon und RWE tun ebenfalls alles, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wie lebendig dieser Wettbewerb ist, zeigt auch die Entscheidung von Siemens, sich zugunsten von Rosatom von der Partnerschaft mit dem französischen Konzern Areva zu verabschieden, der die Deutschen nicht voll mit ins Boot nehmen wollte.
Aus deutscher Sicht kann dieses Engagement nur von Vorteil sein - und zwar auch dann, wenn man der Kernenergie langfristig keine Zukunft einräumt. Zum einen führt an einer Verlängerung der Laufzeiten für die bestehenden Meiler kein Weg vorbei, wenn das Land eine Energielücke vermeiden und zugleich die CO2-Emissionen im vereinbarten Umfang senken will. Zum anderen ist keineswegs ausgeschlossen, dass eine künftige Bundesregierung wieder über den Neubau von Reaktoren nachdenkt, auch wenn dies derzeit kaum ein Politiker offen ausspricht.
In jedem Fall aber wird Fachwissen nötig sein. Es werden Experten gebraucht, die Erfahrung mit dem Betrieb und der Wartung von Kernkraftwerken haben und die mit den Risiken der Technik vertraut sind. Gerade in einem derart sensiblen Bereich wie der Kernenergie kann es sich eine führende Industrienation nicht leisten, von der technologischen Entwicklung abgekoppelt zu werden und auf Hilfe von außen angewiesen zu sein.
Wenn diese Kompetenz durch Aktivitäten im Ausland erhalten werden kann, ist dies letztlich im deutschen Interesse.